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Warum es Bullshit ist, andere ändern zu wollen

Nele Kreyßig. Bild: Patrick Reymann

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„Meine Güte, kann der nicht ein einziges Mal XY tun? Das nervt!“ Wir alle haben es schon einmal mit Leuten zu tun gehabt, über die wir so denken, oder? Warum das ein Problem sein kann und mit welchen Soft-Skills wir das ändern können, zeigt ein neues Buch.

Bild: Patrick Reymann

Es geschieht tagtäglich: Der IT-Experte hält zugesagte Termine nie ein; die Abteilungsleiterin dominiert jedes Meeting, sodass andere gar nicht zu Wort kommen; ein Kollege hat es zum hundertsten Mal nicht geschafft, dir rechtzeitig zuzuarbeiten. So etwas nervt auf Dauer nicht nur, es behindert auch das Arbeiten und blockiert die Kreativität. Was dich vielleicht noch mehr gegen solche Menschen aufbringt, ist, dass deren Verhaltensweisen im schlimmsten Fall dir angelastet werden, nicht denjenigen, die es in deinen Augen verbockt haben. Die sollten sich endlich einmal ändern! Oder?

Genau das ist der Punkt, an dem die 35-jährige Beraterin und Business-Trainerin Nele Kreyßig ansetzt. „Das Thema begleitet mich gefühlt jeden Tag“, sagt sie, „sowohl bei Aufträgen in Unternehmen als auch im Kontakt mit anderen Menschen.“ Sie hat im privaten wie im Berufsalltag beobachtet, dass viele Menschen zu wissen glauben, wie etwas „richtig“ gemacht wird. Daran messen sie dann das, was andere tun – nur kommen die oft nicht einmal in die Nähe dieser Messlatte. Sie bewerten deren Tun negativ und folgern daraus, dass das Gegenüber sich ändern müsse, damit die Dinge endlich rund laufen. Das Gegenüber hat jedoch seine eigenen Messlatten und folgert daraus, dass es sich selbst gar nicht ändern müsse, da es ja seinen Messlatten voll und ganz entspricht.

„Wer sich selbst versteht, kann andere besser verstehen“

Solche Pattsituationen laufen oft auf ein Kräftemessen hinaus, in dem die Lauten, Starken gewinnen. Doch ist das nicht immer die beste Lösung, weder für das Unternehmen, noch für die darin arbeitenden Menschen. Wie es sehr viel besser und positiver laufen kann, beschreibt Nele Kreyßig in ihrem neuen Buch „Warum es Bullshit ist, andere ändern zu wollen“. Lass dich von dem markigen Titel nicht irritieren – das Buch steckt randvoll mit hilfreichen Tipps und Soft-Skills für eine nachhaltig erfolgreiche Zusammenarbeit.

„Beziehungen würden viel besser funktionieren, wenn wir einen toleranteren Umgang miteinander hätten.“

„Beziehungen würden viel besser funktionieren, wenn wir einen toleranteren Umgang miteinander hätten“, sagt die Autorin. Dies gelte sowohl privat als auch im Beruf. Mit „tolerant“ meint sie, die Potenziale der Diversität, also der Vielfalt der Menschen, zu entdecken und dieses Anderssein als einen wichtigen Baustein für den gemeinsamen Erfolg zu respektieren.

„Meist ist uns gar nicht bewusst, woher unsere Urteile kommen und wie rasch wir andere be- und verurteilen“, schreibt Kreyßig in ihrem Buch. „Manchmal liegen wir mit unseren Urteilen ganz schön daneben, weil wir nur einen Ausschnitt kennen, […] aber trotzdem munter drauflos werten. […] Wer sich selbst versteht, kann andere besser verstehen.“

Zuhören, wahrnehmen, hinterfragen und zu verstehen versuchen

Im Interview mit BusinessLadys führt sie ein aktuelles Beispiel aus der Corona-Krise an: „Einen Menschen, der mit drei Packen Klopapier an mir vorbei läuft, nehme ich heute anders wahr als vor drei Wochen. Ich könnte darüber motzen, doch Motzen verletzt und zerstört vieles. Wir brauchen aber keine Verletzung, sondern einen Diskurs.“

Und Diskurs bedeutet: Zuhören, wahrnehmen, hinterfragen und zu verstehen versuchen. Das heißt nicht, dass man das Verhalten der anderen automatisch gut finden muss, sagt Kreyßig. Doch wenn man etwas erst einmal nur wahrnimmt, ohne es automatisch zu bewerten, „kann man viel wertschätzendere Lösungen finden, als würde man ein stumpfes Aufeinander-los-Gebashe betreiben und anderen die eigene Meinung überbügeln. Jeder Mensch hat einen Grund für sein Handeln, und aus seiner Perspektive ist dieser Grund wichtig.“ Weiß man den Grund, nimmt man einen Perspektivwechsel vor, kann man auf ganz anderer Ebene diskutieren und gemeinsam Lösungen finden.

Kreyßig ist davon überzeugt, dass das Beharren auf dem eigenen Maßstab als dem einzig richtigen zur Entfremdung der Menschen voneinander führt. „Wir leben in einer fortschrittlichen Zeit, in der auf die Beziehung zwischen Menschen Wert gelegt wird. Wenn Menschen einander begegnen und kennenlernen, entstehen stärkere Verbindungen und damit auch stärkere Teams.“ Sie sieht unterschiedliche Perspektiven eher als Chance denn als Hindernis. Denn der bewusst tolerante und respektvolle Umgang mit der Verschiedenheit der Menschen tue der Gesellschaft gut. Und er führe zu erfolgreicheren Teams.

„Je diverser, desto erfolgreicher“

Dies bestätigt auch die internationale McKinsey-Studie „Delivering through Diversity“ von 2018. Ihr Fazit ist: „Je diverser, desto erfolgreicher: Unternehmen, die sich durch einen hohen Grad an Diversität auszeichnen, haben eine größere Wahrscheinlichkeit, überdurchschnittlich profitabel zu sein.“

Dabei sollte man Diversität in Unternehmen nicht nur auf verschiedene Kulturen, Ethnien oder Geschlechter beziehen, sondern auch auf die unterschiedlichen Standpunkte und Vorgehensweisen, die damit einhergehen. Führungskräfte könnten dies ganz bewusst steuern, sagt Kreyßig: „Sie können darauf achten, wen sie bei Einstellungsprozessen dabei haben, und dass sie Teams divers mixen, auch in unterschiedlichen Alterskategorien. Es ist am Anfang vielleicht seltsam, wenn alte und junge Menschen zusammenarbeiten. Aber wenn man ihnen den Nutzen erklärt, dann funktioniert das.“


Cover: "Warum es Bullshit ist, andere ändern zu wollen" von Nele Kreyßig
Cover: „Warum es Bullshit ist, andere ändern zu wollen“ von Nele Kreyßig

Nele Kreyßig: „Warum es Bullshit ist, andere ändern zu wollen“, Gabal 2020


 

Was aber ist zum Beispiel mit dem cholerischen Vorgesetzten? Sollte man den auch verstehen und tolerieren? „Cholerisches Verhalten ist eine unglaubliche Belastung“, sagt Kreyßig. „Mein Rat ans Team wäre dann: Geben Sie ihm ein klares Feedback, wie seine toxische Führung bei Ihnen ankommt. Wenn das nicht funktioniert, suchen Sie sich Vertrauensansprechpartner, zeigen Sie ihnen die potenziellen Folgen seines Verhaltens auf. Und wenn gar nichts mehr geht, wenn die Wertschätzung weiterhin fehlt, dann sollten Sie besser die Reißleine ziehen, bevor Sie selbst draufgehen. Suchen Sie sich Rahmenbedingungen, in denen Sie sich entfalten können.“

Nun sind manche Menschen furchtbar gut darin, hilfreiche Ratschläge zu geben, aber unfähig, sie selbst zu beherzigen. Wie ist das bei Kreyßig selbst? „Ganz ehrliche Antwort“, sagt sie, „mir gelingt das auch nicht immer gut. Ich tappe genauso in diese Bewertungsfalle. Aber heute nehme ich es wahr, wenn ich bewerte, ich kriege mit, was ich da mache, und kann mich für mein Verhalten entschuldigen.“

Es lohnt sich, den Perspektivwechsel vorzunehmen

Den Automatismus der Bewertung anderer Menschen und Verhaltensweisen zu stoppen ist also gar nicht so leicht. Doch Kreyßig hat einen Tipp parat: „Man kann jetzt starten und mal zwei Stunden lang gucken, wie man andere beurteilt. Das bringt direkte Effekte. Ich habe es auch nicht mal eben geschafft. Man braucht Zeit und kann mit dem Buch kleine Schritte nach vorne gehen.“

Sie selbst arbeitet täglich mit zweien der im Buch beschriebenen Modelle:

  1. dem „WEWAW-Modell“, um sich selbst gezielt zu hinterfragen, wie sie im Alltag wertet. Das Modell fragt in kleinen, machbaren Schritten Wahrnehmung, Emotion, (Be-) Wertung, Aktion und (Aus-) Wirkung einer Situation ab;
  2. dem „WWW-Modell“, in dem sie andere nach deren Wahrnehmung, der (Aus-) Wirkung ihres Handelns auf sie und deren Wunsch (oder Erwartung) an sie fragt.

Wie diese Modelle funktionieren, beschreibt die Business-Trainerin neben vielen weiteren Tipps in ihrem Buch. Und das nicht nur aus der Theorie, sondern aus der eigenen privaten und beruflichen Praxis. Denn Kreyßig hat diese Reise zur Selbstreflektion selbst gemacht und sagt ganz ehrlich: „Es war anstrengend und schön zugleich. Manchmal war es hart, aber mein Leben ist danach schöner geworden. Natürlich ist es ein mutiger Schritt, denn ich weiß am Anfang nicht, was dabei herauskommen wird.“ Sie sagt aber auch, dass es sich lohne, den Perspektivwechsel vorzunehmen, um eine auf auf Vertrauen und Wertschätzung beruhende Beziehung mit anderen führen zu können.

Und ist das nicht, was wir alle uns wünschen?

Buchtipp & Links:

  1. Was wäre denn ein geeigneter Gesprächseinstieg zum Toilettenpapierbeispiel, in dem sich das Gegenüber nicht angegriffen fühlt? Ich stelle mir das schwierig vor, nichts zu sagen auf der anderen Seite aber auch falsch. Ich glaube wir haben sich auch auf „Empfängerseite“ ein grundsätzliches Problem, nämlich dass wir uns leicht belehrt fühlen und das sehr ungern möchten. Da kann die „Sendeseite“ noch so feinfühlig und wertschätzend ins Gespräch einsteigen…

    • Das stimmt. Es ist ganz schön schwer, hier Ton und Worte so zu wählen, dass das Gegenüber uns als „neutral“ wahrnimmt. Wir sind das ja überhaupt nicht gewöhnt. Ein möglicher Einstieg wäre ja vielleicht: „Darf ich Sie etwas fragen? Ich bin wirklich neugierig.“ Und dann könnte ich meine Klopapier-Frage stellen.
      Ich versuche wirklich, ganz oft mit so einer Haltung an die Menschen heranzutreten. Manchmal klappt es, manchmal eben nicht. Den Versuch ist es aber wert.

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