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Ulrike Gantenberg: „Frauen sollten tun, was sie wollen, und nicht schauen, was andere meinen!“

Juristin Ulrike Gantenberg. Bild: Andreas Anhalt/JUVE Verlag

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[Text: Andrea Hansen] Ulrike Gantenberg, 38, ist Managerin in der Anwaltssozietät Heuking Kühn Lüer Wojtek – als einzige Frau in der Spitzengruppe. Sie arbeitet hart und lacht viel. Von Klischees und Grenzen hält sie wenig, umso mehr von offenen Worten. Probleme und Konflikte gehören gelöst, sagt die Rechtsanwältin, die in drei Sprachen verhandlungssicher ist und zwei kleine Kinder hat. Im Interview offenbart sie, wie man ohne Masterplan weit(er) kommt.


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In einem Video zu Bewerbungstipps haben Sie betont, dass Sie in einem sehr klassischen Gewerbe tätig sind und sich dennoch wünschen, in einer Bewerbung die Persönlichkeit klar zu erkennen. Wie schafft man diesen Spagat zwischen Individualität und Tradition? 

Junge Studierende haben heute das BGB oft schon durchgelesen, bevor sie überhaupt mit dem Jura-Studium angefangen haben. Die leben nicht mehr, die arbeiten wie die Irren und gucken überhaupt nicht mehr über den Tellerrand. Das ist ein Jammer.

Wie haben Sie denn während des Studiums zwischen Pflicht und Neigung gewichtet? 

Ich habe fast mehr gelebt als studiert, das war das Problem an der Sache (lacht).

Tatsächlich?

 Im Studium hatte ich einen Freund in Frankreich und habe viel Zeit bei ihm verbracht. Ich habe eine Woche lang in der Bibliothek wie eine Verrückte kopiert. Der Papierstapel wurde ins Auto geworfen, ich bin damit nach Bordeaux gefahren und habe meine Hausarbeit geschrieben. So hat mir meist viel Literatur gefehlt. Ich bin selten an der Uni gewesen, habe fast drei Jahre verdaddelt und erst im Repetitorium begonnen, wirklich zu lernen.

Klingt nicht nach Masterplan…

Ich habe viel nebenbei gemacht, etwa ein Jahr lang Popcorn im Kino verkauft. Ich wusste schon, wann ich mich mal am Riemen reißen muss. Das schon, aber ich bin im Grunde eine faule Socke und interessiere mich für viele Dinge. Deshalb möchte ich die Erfahrung aus einem Jahr Popcorn-Verkauf im Kino nicht missen. So lernt man das Leben kennen.

Aber Ihre Karriere kann doch nicht nur Zufall gewesen sein. 

Ich wollte immer etwas Internationales machen und auf gar keinen Fall in Deutschland leben und arbeiten. Ich wollte auch nie Anwältin werden. Mein Vater ist Anwalt. Der hat immer sehr lange und sehr viel gearbeitet und ist damit eher ein Negativbeispiel gewesen. Ich wollte ins Ausland. Das wusste ich.

Da ja jetzt alles anders gekommen ist und Sie damit trotzdem sehr zufrieden sind, hängen Sie offenbar nicht an Ihren Entschlüssen, wenn Sie neue Impulse bekommen. Welche Ihrer Charaktereigenschaften – außer dieser Flexibilität – helfen Ihnen heute? 

Kommunikationsfähigkeit, Offenheit und Neugier im Sinne von Wissbegierde. Ich bin offen für alles, was mir entgegenkommt. Ich bin nicht streitsüchtig, im Gegenteil eher Harmonieverfechterin und konsensorientiert. Ich kann hart diskutieren und verhandeln, aber am Ende muss eine Lösung stehen. Ich finde es schrecklich, wenn man in einer Auseinandersetzung den Punkt verpasst, an dem man alles hätte zusammen führen können.

Darum möchten Sie keine Ellenbogenmenschen unter den Bewerbern für Ihre Kanzlei? 

Stimmt, die kann ich überhaupt nicht leiden. Natürlich darf man Auseinandersetzungen nicht fürchten – als Führungskraft und als Anwalt. Ungeklärte zwischenmenschliche Konflikte finde ich fast physisch anstrengend. Wir verbringen tagtäglich viele Stunden zusammen – da muss man sich doch freuen, ins Büro zu gehen! Ich kann mich streiten, Positionen aufbauen und vertreten. Aber ich muss niemanden böswillig verletzen oder hintergehen. Auseinandersetzungen sollten auf der intellektuellen Ebene geführt werden, alles andere ist ungesund. Ich muss nicht unverschämt sein, um zu zeigen, dass ich der Big Mac bin. Ich kann es auch nicht leiden, wenn ein junger Anwalt eher zum Telefonhörer greift und seine Sekretärin um neuen Kaffee bittet, anstatt eben selbst die Maschine anzuschmeißen. Das ist ein Mangel an Stil im Umgang, den ich nicht ertragen kann, und definitiv nicht, was ich suche.

Was suchen Sie denn? 

Eine Umgebung, in der man sich faire, sachliche Auseinandersetzungen auf hohem Niveau liefern kann. Und in der man sich gegenseitig hilft, fröhlich „Guten Tag“ sagt und dem anderen auch mal die Tür aufhält. Da bricht man sich doch keinen Zacken aus der Krone!

Sie betonen die Abwechslung, das Internationale, die thematische Bandbreite und Ihre Offenheit allem Neuen gegenüber – lassen Sie sich nicht gern einschränken?

Das stimmt. Grenzen sind ganz schlecht für mich. Ich bin ein freiheitsliebender Mensch. Ich brauche ein Auto nicht, damit ich damit fahren kann. Wichtig ist, dass ich fahren könnte, wenn ich wollte.

Dazu passt, dass Sie sich nicht zwischen Karriere und Kindern entschieden haben. Das ist der einzige Punkt, in dem Sie ziemlich undiplomatisch wirken. 

Ich bin ungeduldig, das gebe ich gern zu. Ich kann das Gejammer vieler Frauen nicht ertragen. Es gibt ja einmal die Sandkastenfraktion der „Nur-Mütter“, die der Auffassung ist, dass aus Kindern von arbeitenden Frauen nichts werden kann und dies den arbeitenden Müttern auch ständig ungefragt mitteilen. Dann gibt es Menschen wie mich, die keine „richtigen“ Mütter sind, weil sie nur eine Keksbackaktion im Advent veranstalten und dennoch glauben, dass sie Familie und Beruf vernünftig vereinbaren.

Kommt man ins Gespräch, höre ich oft, dass die Sandkastenfraktion nicht so zufrieden ist, wie sie immer tut. Die Frauen erzählen, dass sie auch gern arbeiten würden, es aber nicht geht, weil der Arbeitgeber nicht mitzieht oder der Mann dagegen ist oder die Schwiegermutter. Das ist schade, weil sie so nie glücklich sein werden. Es ist verdammt hart, beides unter einen Hut zu bringen, aber es geht. Man muss sich halt sicher sein, was man will, und das dann selbstbewusst umsetzen. Ich mag nicht, wenn man sich über eine gewählte Situation beklagt, als ob jemand anders sie zu verantworten hätte.

Ein Plädoyer für eine selbst geschaffene Zufriedenheit? 

Ja, eindeutig ja! Frauen sollten tun, was sie wollen, und nicht schauen, was andere meinen. Und vor allem sollten sie nicht erwarten, dass sie unterstützt werden oder andere ihnen etwas ermöglichen. Anpacken, nicht abwarten!

Sie berichten, dass sie fünfmal so gut wie Ihre männlichen Kollegen sein mussten, bis Sie sich Respekt verschafft hatten. Dann war das Geschlecht egal. Haben Sie nach dieser Erfahrung das Bedürfnis, jungen Frauen zu helfen – oder muss es keine leichter haben als Sie selbst? 

Ich helfe Frauen sehr gern. Ich habe noch neulich eine junge Kollegin in der Kanzlei stark unterstützt. Im Laufe der Zeit habe ich aber den Eindruck bekommen, dass sie ihren Weg nicht vorgezeichnet bekommen möchte, sich aber nicht traut, es mir zu sagen. Und ich dachte, sie könnte doch froh sein, dass ich ihr alles auf dem Silbertablett präsentiere! (lacht) Ich glaube, wir Frauen können zusammen eine Menge erreichen. Wir können uns wunderbar austauschen und unterstützen, aber ich mag keine Lamentierclubs. Damit fremdele ich.

Kann es sein, dass Sie ein Problem mit Problemen haben? 

Stimmt, ich sage auch immer: Ich verkaufe Lösungen, keine Probleme. Ich rede lieber über das, was geht, als über das, was nicht geht. Wenn wirklich mal etwas nicht funktioniert, nutze ich meine Energie für die Suche nach einem gangbaren Weg. Ich bin nicht verbissen, wenn auch mit einem kleinen aber erträglichen „Missionierungsgeist“.

Immerhin gibt es ein Teilzeitmodell in Ihrer Kanzlei … 

Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist kein Frauenthema. Auch Männer möchten das immer häufiger. Und auch sie müssen sich dann rechtfertigen. Es gibt immer noch Kollegen, die stolz darauf sind, dass sie eine Stunde nach der standesamtlichen Trauung wieder im Termin sitzen. Wer weiche Faktoren in den harten Berufsalltag trägt und Forderungen stellt, trifft leider etliche, die damit nicht umgehen können. Es ist leicht, andere dann als unprofessionell abzukanzeln. Das verunsichert und macht wütend, auch wenn man es besser wissen müsste. Ich habe keine Ahnung, warum es so wenig Toleranz für andere Lebensentwürfe als den eigenen gibt.

Wie sieht denn Ihr Entwurf für das Leben mit Familie und Karriere aus? 

Ich bin eine Vertreterin von Qualität statt Quantität. Wenn jemand mit seinem Kind fünf Stunden in den Zoo geht, aber die ganze Zeit übers Handy mit der Freundin quatscht, hat das Kind davon meiner Meinung nach weniger, als wenn die Mutter nur zwei Stunden Zeit hat, sich in diesen aber konzentriert kümmert. Wenn wir was machen, dann richtig. Ich bemühe mich, abends noch Zeit mit den Kindern zu haben und arbeite erst weiter, wenn sie im Bett sind.

Sie wirken nicht wie der typische Karrieremensch, der bestimmte Stationen zu festen Terminen abgefeiert haben muss. Wie definieren Sie für sich persönlich Erfolg? 

Ein Tag war erfolgreich, wenn ich am Ende beschwingt ins Bett gehe und gut schlafe. Positionen-Geklotze interessiert mich eher nicht. Ich muss mit dem, was ich mache, zufrieden und glücklich sein. Ich möchte eine gute Anwältin sein und die Interessen meiner Mandanten gut vertreten. Erfolg macht sich für mich nicht an Titeln oder dem Kontostand fest.

Zusammen genommen klingt das alles so, als ob Ihnen Ihre Karriere eher passiert wäre, als dass Sie sie geplant hätten. 

Ich habe mir nie Gedanken darüber gemacht. Bei uns in der Familie sind alle was geworden. Es war ganz selbstverständlich. Meine Eltern haben nie mit mir angegeben. Manchmal fand ich es hart und ungerecht, dass jede erbrachte Leistung als selbstverständlich angesehen wurde. Aber andererseits hatte ich auch dieses Urvertrauen, dass ich trotz Trödelei nicht auf der Parkbank enden würde. Obwohl ich in Strafrecht nur einen Punkt im Examen geholt habe. (lacht) Ich hatte keinen Masterplan, ich bin mit offenen Augen und dem Glauben durch die Welt gegangen: Das wird schon.

Ist der offene Umgang mit Schwächen eine Ihrer Stärken? 

Ich glaube, es ginge uns allen massiv besser, wenn wir auch zu dem stehen, was wir nicht so gut oder gar nicht können. Ich renne auch nicht den ganzen Tag herum und erzähle allen und jedem von meinen Schwächen. Was ich ändern kann, ändere ich. Aber den Rest akzeptiere ich. Das andere Extrem liegt mir ebenso wenig, wenn ich mich etwa bei einem Pitch hinstellen und erzählen soll, warum ich der Held bin. Mein Lebenslauf gäbe das wahrscheinlich schon her, aber ich mag es nicht wirklich, auch wenn es Teil des Geschäfts ist.

Zur Person

Ulrike Gantenberg ist als Wirtschaftsanwältin spezialisiert auf Gesellschaftsrecht und internationale Schiedsgerichtsbarkeit. Im Schiedsverfahren entscheidet anstelle eines staatlichen Gerichts ein „privates“ Gericht mit bindendem, international vollstreckbarem Spruch. Der juristische Wettstreit im internationalen Rahmen reizt sie. Derzeit leitet Ulrike Gantenberg u.a. ein Schiedsgericht, in dem neben ihr ein Belgier und ein Franzose sitzen, die Parteien stammen aus den USA und Italien, man trifft sich in Brüssel. Ulrike Gantenberg hat in Saarbrücken studiert und ist während des Referendariats u. a. in Paris tätig gewesen. Mit ihrem Mann, einem dreijährigen Sohn und einer drei Monate alten Tochter lebt und arbeitet sie heute in Düsseldorf. Ulrike Gantenberg ist Überzeugungstäterin: Sie spielt leidenschaftlich Golf und fährt ebenso gern Ski, obwohl sie sich als unsportlich bezeichnet und organisiert ehrenamtlich simulierte Schiedsverfahren für Studierende, um sie für die internationale Anwaltsarbeit zu begeistern.

  1. Sehr geehrtes Team,
    ein toller Beitrag, der ein Mutmacher für alle jungen Frauen ( und Männer ) sein sollte, vor dem Hintergrund einer guten Ausbildung plus gleichzeitiger praktischer Lebenserfahrung im echten „Geldvrdienbereich“ ihren eigenen Weg zu finden. Als Juristin, Leistungssportlerin und Coach für Führungskräfte treffe ich bei den jungen Leuten ( international! ) en masse auf gut ausgebildete, aber stark verunsicherte, verträumte Leute, die denken, sie könnten in der Managementebene mal eben so anfangen- gegen ein hohes „Schmerzensgeld“ natürlich- weil sie Angst um ihre Freiheit haben und einen Ausgleich für die jahrelange, als Qual empfundene Ausbildung haben wollen. Sie haben keine Ahnung, wie sie ihre wahren Talente und Fähigkeiten entwickeln und vermarkten können- und es fehlt insbesondere jungen Frauen an Mentorinnen, die ein erstrebenswertes Leben vorleben. Diesen jungen Menschen müssen wir aktiv vorleben, dass Familie und Beruf kein Widerspruch sind, dass Talente auch bei jungen Müttern weiter gefördert werden- nicht zwingend gegen eine lähmende Jobgarantie, sondern aktiv mit der Eröffnung neuer, tatsächlich machbarer Optionen. Ein modernes, möglichst weltweites Netzwerk ist dafür unerlässlich- davon würden wir alle profitieren- als ältere Hasen mit Nachwuchssorgen. Daher fördern mein Mann und ich immer einige junge intelligente Leute- sie lernen in einem unserer Betriebe- einem Pferdeausbildungs- und Rehazentrum- tatsächlich Tag für Tag zu arbeiten und sich an den messbaren Ergebnissen zu erfreuen- aber en passant erfahren sie sich selbst als Menschen, die führen und gestalten, die höflich sind und sich zurücknehmen, um Gelegenheiten zu ergreifen, anstatt mit der Brechstange vorzugehen; die sich durchsetzen können, aber ohne Wut oder nachtragende Gefühle. Bestürzend ist, dass unter 50 immer nur ein oder zwei geeignet sind- der Rest schätzt sich völlig falsch ein. Und das sind immer die, welche während Schule und Studium oder sonstiger Graduierung nie wirklich gearbeitet haben- und bei denen die Eltern vermitteln, dass sie echte Arbeit „nicht nötig haben“.
    Insofern- wenn Sie Freude an der Bildung eines neuen Netzwerkes für Mentorinnen und Mentoren haben- ich freue mich auf Ihre Nachricht.
    Mit herzlichen Grüßen Amena Rauf- Vater, http://www.pferde-aus-fintel.de; http://www.authenticals.com

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