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Susanne Ihsen: „Frauen haben mit Technik zu tun, seit es sie gibt.“

Susanne Ihsen, TU München. Bild: Bildschön GmbH

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Können Frauen nicht so mit Zahlen? Oder mögen sie Technik nicht? Weder – noch, sagt Susanne Ihsen. Die Professorin für Gender Studies in den Ingenieurswissenschaften an der Technischen Universität München erklärt, was eine Wirtschaftskrise aus den 90er Jahren mit dem Image von Technikberufen zu tun hat, welchen Schaden der Zusatz „als Frau“ anrichtet – und mit welchem Kniff jede Berufsanfängerin eine klassische Karrierefalle links liegen lassen kann.

Man hört oft: Frauen können kein Mathe. Und Frauen haben Angst vor Technik. Was sagt die Wissenschaft dazu?

Susanne Ihsen: Wenn es jemals irgendwelche wissenschaftlichen Ergebnisse dazu gegeben hätte, sind sie alle widerlegt, es ist sogar das Gegenteil der Fall. An den Hochschulen bringen Frauen bessere Noten mit als die jungen Männer. Und Frauen haben mit Technik zu tun, seit es sie gibt; mindestens als Nutzerinnen, aber auch schon seit über 100 Jahren als Erfinderinnen.

Warum schrecken Frauen denn dann vor Berufen in Naturwissenschaft und Technik zurück?

Das ist ein kulturelles Phänomen. Die MINT-Berufe haben sich ein Image gegeben, das ihnen, salopp gesagt, die Welt vom Hals hält: Alles wirkt von außen ausgesprochen kompliziert, als wäre es etwas, wozu man geboren sein muss und nicht etwas, das man genausogut lernen kann wie jede andere Disziplin. In großen Teilen Westeuropas und Nordamerikas gehört dazu eine historisch geprägte männerdominierte Arbeitskultur mit einem bestimmten Dominanzverhalten. Hinzu kommt, dass Erziehung und Schule heute ohne böse Absicht immer noch so angelegt sind, dass Mädchen im Laufe ihrer Kindheit und Jugend eine größere Technikdistanz erwerben.

Ist das überall so?

Nein. Das ist beispielsweise in Regionen Nordafrikas, in der Türkei, in Teilen Südeuropas, im Nahen und Fernen Osten, in Asien ganz anders. Dort fallen auch sowohl in den Studiengängen als auch in den Berufen die Zahlen anders aus. An der fehlenden Kompetenz von Frauen kann es also nicht liegen. Denn dann wäre sie weltweit feststellbar. In Deutschland kommt ein weiterer Faktor hinzu: In der Wirtschaftskrise der 90er Jahre wurden seit langem erstmals viele Ingenieure und Ingenieurinnen arbeitslos. Damit war der Nimbus weg, dass MINT-Berufe eine sichere Sache sind. Sicherheit spielt aber eine viel größere Rolle als ein hohes Einkommen, Prestige oder Ähnliches, wenn man junge Frauen fragt, was sie beruflich machen möchten.

Ist es denn immer noch ein unsicherer Beruf?

Das Bild ist zwar aus den 90ern hängengeblieben. Aber die berufliche Situation ist für beide Geschlechter so gut wie noch nie. Die Unternehmen suchen händeringend Fachkräfte, und sie suchen Frauen. Denn sie können es sich nicht mehr leisten, immer nur nach jungen Männern zu schauen. Davon gibt es einfach nicht mehr genügend. Zu DDR-Zeiten fand man in Ostdeutschland Frauen in MINT-Berufen ganz normal.

Gibt es wissenschaftliche Erklärungen dafür, warum sich das in Deutschland mit der Wiedervereinigung nicht durchgesetzt hat?

Da haben mindestens zwei Dinge gegriffen. Erstens war die ostdeutsche Industrie nach westeuropäischen Standards im Großen und Ganzen nicht konkurrenzfähig, man war dort nicht auf dem nötigen Stand der Technik. Unternehmen haben deshalb ihre eigenen Leute nach Ostdeutschland mitgebracht, und das hat zu einer Verdrängung geführt. Der zweite Punkt ist: Parallel dazu haben Betriebe, aber auch Kommunen, aus Kostengründen angefangen, Sozialleistungen wieder rückgängig zu machen, die zu DDR-Zeiten dazu geführt haben, dass überhaupt eine Erwerbstätigkeit für Männer und Frauen möglich war. Interessant ist aber, dass wir an ostdeutschen Hochschulen immer noch mehr Studentinnen in diesen Fächern haben. Da gibt es offenbar eine niedrigere Schwelle.

Vom rauen Umgangston bis hin zu sexueller Belästigung berichten Frauen von vielen Faktoren, die einen Job unter Männern ganz schön unangenehm machen können. Lässt sich dieses Umfeld verändern?

Erst einmal muss man sagen: Sexuelle Belästigung findet in sehr vielen Berufen statt. Das muss, sobald es auch nur ruchbar wird, öffentlich gemacht und abgestellt werden. Den rauen Umgangston gibt es, er betrifft junge Ingenieure aber ähnlich, auch die müssen erst einmal den Beweis antreten, dass sie nicht nur theoretisch, sondern auch praktisch etwas umsetzen können. Ich halte aber etwas anderes für schwieriger: Die Frage „Warum hast du als Frau denn Maschinenbau studiert?“ hören Frauen bei jeder Eingangsphase. Ob sie neue Studierende kennenlernen oder sich in einem Unternehmen bewerben: MINT-Frauen müssen immer beweisen, dass sie es können und dass sie es wollen. Das passiert aber auf einer Kommunikationsebene, wo sie das kaum bewusst wahrnehmen und auch kaum darauf reagieren können. Und solche unterschwelligen Zweifel verunsichern.

Gibt es noch etwas, worauf sich eine Berufsanfängerin in einem MINT-Feld besser mal einstellen sollte?

Nicht nur Berufsanfängerinnen, sondern auch erfahrene Berufstätige sollten ihre Ziele klar definieren. Dieser Punkt ist immer noch sehr stark geschlechtssozialisiert. Bei neuen Projekten etwa fragen Frauen lieber mal, sie deuten an oder formulieren im Konjunktiv. Die Männer auf der anderen Seite vom Tisch hören daraus aber: Die weiß nicht, was sie will, sie hat noch keine Ideen, oder sie traut sich etwas nicht zu. Deshalb halte ich es für nützlich, sich im Studium und Beruf beispielsweise mit der Frage, wo Sie in fünf Jahren stehen wollen, regelmäßig zu beschäftigen und die Antwort im Zweifelsfall vorzuformulieren und dann aufzusagen. Hauptsache, die Botschaft kommt klar rüber.

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