Gadgets & Tools Kolumne

Prokrastination: Aufschieben für Profis

Aufschieben. Bild: b-fruchten/photocase.de

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Manche Leute haben die Gabe, jede ihrer eher nicht so tollen Eigenschaften gut zu verkaufen. Das Muttersöhnchen brüstet sich mit „familiärer Unterstützung“. Die Quatschbase bezeichnet sich als „eloquent“. Und jemand, der peinlicherweise in jeden zweiten Satz Werbung für sich selbst einflicht, lobt sich als Top-Verkäufer. Auch ich will mich in dieser Disziplin üben. Deshalb gebe ich hier stolz bekannt: Ich prokrastiniere wie ein Profi.

Bild: b-fruchten/photocase.de

Früher hieß das ja wenig wertschätzend Aufschieberitis. Oder wie wir Berliner sagen: „Der letzte Drücker ist meiner.“ Bei meinem Masterprojekt an der Uni hatte ich das Glück, dass die anderen in meinem Team genauso schlimm professionell am Prokrastinieren waren wie ich. Eine halbe Stunde vor der Prüfung, wo wir also nach zwei Jahren Studium unsere Masterarbeit präsentieren sollten, fuhr einer von uns zum Bahnhof, um den Professor abzuholen. Auf die Frage des Profs, wo denn eigentlich der Rest des Teams sei, entgegnete unser Kommilitone seelenruhig: „Na, im Copyshop. Die müssen doch noch die Masterarbeit ausdrucken.“ Ohne Frage, der Prof war schwer beeindruckt von unserer Coolness.

Selbstverständlich hatten wir Prokrastis fast bis zur letzten Minute an unserem Opus herumgefeilt. Eine andere Projektgruppe hatte ihre Arbeit schon 14 Tage vorher fertig – gebunden und vermutlich noch von Hand illustriert. Gottseidank war ich nicht in jenem komischen Team. Denn:

1. Wer plant, ist nur zu faul zum Improvisieren

Dabei ist doch das ganze Leben eine einzige Impro-Show. Statt wertvolle Lebenszeit mit der Vorbereitung zu vergeuden, lebt die Prokrastiniererin im Hier und Jetzt. Ihre Impro-Skills werden dabei von Jahr zu Jahr ausgefeilter.
Mit gehobener Augenbraue beobachtet sie Planungsfreaks, die ihr Leben minutengenau durchstrukturieren. Sie selbst huldigt dem Zufall (jedenfalls meistens) und ist dadurch kaum aus der Ruhe zu bringen.

2. Wer zu früh kommt, den bestraft das Leben

Das gilt in vielen Situationen. 😛 Denn wer zu früh kommt, muss warten. Und wer will schon, nachdem man sich abgehetzt hat, um pünktlich zu sein, ewig dumm rumsitzen, bis die Zuspätkommer Prokrastinierprofis endlich die Güte haben aufzutauchen? Eben. Deshalb kommt es, wenn zwei Prokrastinierer aufeinandertreffen wollen, häufig zur sogenannten Prokrastinationsspirale: Der eine weiß, es lohnt sich nicht, pünktlich zu sein, weil der andere doch eh zu spät kommt – was wiederum den anderen verleitet, sich noch ein bisschen mehr Zeit zu lassen, was der eine aber ja bereits eingeplant hatte usw. Gottseidank gibt es Handys, so dass beide Profis ihren Termin entweder auf halbem Weg absagen oder verschieben können.

3. Entschleunigung für alle

Absagen und Verschieben sind die Königsdisziplinen der Prokrastinierer. Erst wer hier die letzten Hemmungen verliert, verdient den Profi-Titel. Beide Techniken führen überraschend oft zu großer Erleichterung auf der anderen Seite des Hörers/Computers/Schreibtisches, denn in unserer heutigen hektischen Zeit ist man für jedes sich öffnende Zeitfenster dankbar. Prokrastinierer sind also der Sand im Getriebe des ausbeuterischen Systems – oder anders ausgedrückt: Sie sorgen für einen gesundheitsfreundlichen Stressabbau und unerwartete Entschleunigung.

4. Das Genie beherrscht das Chaos

Außerdem gibt es doch eine funktionierende Suchfunktion, jedenfalls auf dem Mac. Und wer keinen Mac hat, tut mir sowieso leid. 😛 Warum also vielfach verästelte Ordnerstrukturen anlegen? Allein die Zeit, die das Anlegen kostet! Und die Langeweile! Und wo bitteschön liegt der Vorteil, wenn man sich erst durch zehn Ordnerebenen durchklicken muss? Als Prokrasti wird einem immer leicht schlecht, wenn man sowas sieht. Oder warum das Datum in den Dateinamen quetschen, wenn man Dateien doch ganz einfach nach Datum sortieren kann? (OK, ich mache das auch manchmal, um Kunden mit meinem Ordnungssinn zu beeindrucken. Aber meistens ist es unnötig.)

Wir Prokrastis finden trotzdem alles und haben mal wieder eine Menge Zeit gewonnen. Wir sind diejenigen, die routiniert mit den vielfältigen Anforderungen des Berufslebens jonglieren. Am Ende staunen wir selbst, was wir alles geschafft haben. Oder auch gar nicht schaffen mussten.

5. Prokrastinieren ist effektiv

Denn Prokastinierer kennen das Geheimnis der Spontanzersetzung: Wenn man eine Aufgabe lange genug liegen lässt, erledigt sie sich ziemlich oft von selbst. Tada! Wie oft habe ich mir schon gratuliert, ein Projekt auf die lange Bank geschoben zu haben, denn dann hieß es plötzlich: Ach nee, doch nicht! Oder: Kommando zurück, wir machen was ganz anderes. Mein Mitgefühl mit den Strebern, die ihre schon seit drei Tagen fertige dreifarbig hinterlegte Excel-Tabelle nun in die Tonne kloppen konnten, hielt sich in Grenzen.

6. Prokrastinieren macht kreativ

Prokrastinierer haben ja oft Probleme, sich auf eine Sache zu konz… Oh, ein Eichhörnchen! Aber hey, genau dieses Eichhörnchen kann den kreativen Durchbruch bedeuten. Denn bekanntlich zeigen sich die besten Ideen nicht am Schreibtisch, sondern unter der Dusche/beim Abwaschen/auf dem Klo. Oder eben bei der Tierbeobachtung. Außerdem kann die durch spontan zersetzte Projekte gesparte Zeit hier glücksbringend investiert werden.

7. Nur für den Kick, für den Augenblick

Ganz ehrlich: Wir Prokrastinatoren brauchen einfach das Adrenalin. Es ist uns zu langweilig, megavorbereitet irgendwo aufzulaufen. Natürlich haben wir uns auf dem Weg zum Termin im Zugabteil/in der Mittagspause/am Abend vorher noch schnell ein Gerüst gebastelt, an dem wir uns entlanghangeln. Aber eben nur ein Gerüst. Ein bisschen Herausforderung muss schon sein, oder?

Übrigens: Während ich diesen Blogpost schreibe, hätte ich eigentlich schon längst mit einem bezahlten Auftrag anfangen wollen. Aber ich hab das Ding hier jetzt spontan dazwischengeschoben. Weil ich ein Profi bin. 😛

Buchtipps & Links:

*Amazon-Link. Wenn ihr hierüber bestellt, verdienen wir ungefähr 17 Cent Provision, die wir noch versteuern müssen, Sozialabgaben bezahlen und so. Also so ziemlich nichts. Deshalb: Kauft gern eure Bücher im Buchladen eures Vertrauens – die zahlen zumindest Gewerbesteuer und bieten schöne Räume zum Zusammenfinden. Falls ihr es aber mal nicht schafft, freuen wir uns auch über die paar Penunsen.

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