Kolumne Persönlich

#MeinTagohnemich: Warum ich heute gar nicht streiken muss

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Heute ist der Internationale Frauentag und auf der ganzen Welt finden Aktionen von, mit und für Frauen statt. Eine davon, das Bündnis vom Women´s March ruft dazu auf, beim A Day Without A Woman mitzumachen und einen Tag die Arbeit niederzulegen. Eine wichtige Aktion! Dennoch werde nicht mitstreiken. Meine Familie würde es einfach gar nicht merken. 

Initiiert vom Bündnis des Women`s March sind alle Frauen am 8. März 2017 dazu aufgerufen, ihre Arbeit niederzulegen: A Day Without A Woman. Dabei geht es um die Lohnarbeit, die nach wie vor nicht gerecht bezahlt wird – und die Care-Arbeit, die nach wie vor überwiegend von Frauen übernommen und schlecht bis gar nicht vergütet wird. Was genau passiert eigentlich – oder würde passieren – wenn Frauen einen Tag lang mal die Füße hochlegen würden? Einen Tag lang nichts organisieren, für niemanden sorgen, einfach mal nichts tun? Unter dem #MeinTagohnemich werden ab morgen, dem 8. März, Geschichten gesammelt.

Wer sich am Streik beteiligt, kann von seinem Tag erzählen. Auch wer nicht streiken kann, kann darüber berichten. Die Texte werden im Blog des Feministischen Netzwerks gesammelt.

Mein Gendefekt

Wahrscheinlich habe ich einen Gendefekt, eingepflanzt von meiner emanzipierten Mutter. Sie hat einfach immer gearbeitet – bis auf die drei Jahre, in denen sie als Hausfrau und Mutter unglücklich und unzufrieden war und vor lauter Tatendrang die ganzen Wände meines Elternhauses mit Bauernmalerei verschönte. So wie sie wollte ich einfach immer nur arbeiten und eigenes Geld verdienen. Niemals wollte ich von einem Mann abhängig sein!

Das ist mir so gründlich gelungen, dass ich heute größtenteils fürs Einkommen zuständig bin. Was ja auch nicht immer so gemütlich ist, da kann ich jede Alleinerziehende und/oder Alleinverdienerin verstehen.

Bei meinem ersten Kind habe ich noch studiert. Die Arbeit rund um Kind und Haushalt teilte ich mit meinem damaligen Freund. Als ich mich dann beruflich als Projektmanagerin in einem Verlag etablierte und er nach Trennung und Heirat in einen anderen Ort zog, ließ ich meine Tochter schweren Herzen ihren Lebensmittelpunkt bei ihm wählen.

Für mich bedeutete das den Luxus, weiter mit großer Lust und Freude Projekte zu gestalten und organisieren zu können, und mein Kind in sehr guten Händen zu wissen. Auf der anderen Seite war ich als Mutter auch immer präsent und habe natürlich meinen Teil des Unterhalts beigetragen.

Bei meinem zweiten Kind startete ich nach vier Monaten mit der Planung meines Unternehmens und hatte eine wunderbare Tagesmutter. Mein Mann übernahm ebenfalls einen großen Teil der Erziehung.

Der Krümelkosmos

Da ich so viel und so gern arbeite, auch für mein Ehrenamt bei den Digital Media Women, bleibt zwangsläufig weniger Zeit für Familie und Haushalt. Trotzdem habe ich mich lange Zeit immer noch sehr im Haushalt und in der Kinderbetreuung eingebracht. Mein Anspruch war es sogar, jeden Tag frisch zu kochen und auch immer entsprechend einzukaufen. Auch die Wohnung sollte immer meinem Standard von Sauberkeit und vor allem Ordnung entsprechen. Dazu sollten die Kinder natürlich gut in der Schule mitkommen, ihren Hobbys nachgehen können und immer gut gekleidet sein. Wie das eben in so Mittelklasse-Szenevierteln so ist;-)

Irgendwann habe ich diese Idee komplett aufgegeben.

Es ging einfach nicht mehr.

Ich habe einfach nicht mehr gekocht. Ich habe immer weniger eingekauft. Ich habe entdeckt, dass Krümel auf dem Boden und Staubflocken im Bad nicht wehtun. Und noch nicht einmal wirklich gesundheitlich schaden. Das Kind kann alle Aktivitäten selbst erreichen und muss nicht gefahren werden (nur wenn ich das will!).

Ich habe einfach losgelassen.

Ihr könnt es auch Langzeit-Streik nennen.

Und wisst ihr was? Es funktioniert. Mein Mann übernahm viele der Aufgaben, für die ich mich vorher noch zerrissen habe. Mein Sohn muss seine Schulsachen größtenteils allein regeln. Und er ist nicht immer nach der neuesten Mode gekleidet. Manchmal hat seine Hose sogar Hochwasser. Der Garten wuchert halt zu. Staub übersehe ich einfach. Die Krümel bilden ihren eigenen Kosmos.

Einfach ist das nicht.

Das Spannende daran ist nämlich, dass die Kritik am Zustand des Haushalts oder auch des Kindes in meine Richtung geäußert wird. Und nur bei mir. So wie neulich die Freundin, die sagte: „Du musst mal wieder neue Klamotten für X. kaufen. Die Hose hat ja Hochwasser!“

Nach einem kurzen schlechten Gewissen meinerseits, dachte ich: „Soll das doch der Papa machen. Ich kann grad nicht!“

Mein Aufruf daher: Macht den #MeinTagohnemich zu #MeineTageohnemich!

 

  • Integriert das Streiken in euren Alltag! Redet über die vielen Aufgaben, die ihr übernehmt, handelt sie neu aus.
  • Macht euch schlau! Was es bedeutet, die schlechtere Steuerklasse zu nehmen, weil euer Mann besser verdient. Jetzt, aber vor allem auch beim Elterngeld, beim Arbeitslosengeld, bei der Altersvorsorge.
  • Wenn ihr Care-Arbeit übernehmt, sprecht darüber, was es für euch zeitlich, beruflich, nervlich und vor allem für die Altervorsorge bedeutet. Es ist nicht selbstverständlich, dass ihr das macht.
  • Recherchiert und verhandelt gut. Abgesehen von allen strukturellen Ungerechtigkeiten, können wir auch selbst ganz schön viel erreichen. Ist das leicht? Nein. Aber es lohnt sich.

PS: Vor allem natürlich, wenn ihr Partner habt. Wer allein ist (– ich weiß mittlerweile, wie schwer es ist. Oder meine es zu wissen!), fragt und sucht nach Hilfe. Überlegt, wo Hilfe möglich wäre, die sich auch bei anderen in den Alltag integrieren lässt.

Tipp:

Zum Internationalen Frauentag am 8. März 2017 finden zahlreiche Aktionen statt. Unter dem Hashtag #shemeansbusiness veranstaltet und überträgt Facebook zahlreiche Live-Events, nachzulesen unter http://shemeansbusiness.fb.com/

  1. Toller und wichtiger Beitrag, Ute. Danke dafür!

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