Köpfe Top-Managerin

„Ich setze mich schon durch, wenn es sein muss. Auch gegen Männer.“ Juliane Bürger, HVB one markets

Juristin Ulrike Gantenberg. Bild: Andreas Anhalt/JUVE Verlag

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Investmentbanking ist ein schnellebiges Geschäft, da kann man die Arbeit nicht einfach so laufen lassen. So muss Juliane Bürger das Interview kurz unterbrechen, weil einer ihrer Händler in der Tür steht. Als Leiterin Team Wertpapier-Anlagelösungen der HypoVereinsbank onemarkets hat sie erlebt, wie die Finanzmärkte zusammenbrachen.

Doch sie erklärt nicht nur, wie man mit Krisen umgeht und wieso es so wenige Frauen im Investmentbanking gibt, sondern auch, was Frauen generell bei der finanziellen Vorsorge bedenken sollten.

Frau Bürger, Sie arbeiten in München. Gehen Sie zum Oktoberfest?

Ja, sicherlich.

Sie müssen?

Für ein Münchner Unternehmen ist es Usus, die Kunden zum Oktoberfest einzuladen. Zwei bis drei Mal bin ich geschäftlich auf der Wiesn. Aber das reicht dann.

Werden auf der Wiesn Geschäfte gemacht oder dient sie der Kontaktpflege?

Da werden Kontakte gepflegt, da können Sie keinen Abschluss machen. Das ist auch nicht Sinn und Zweck der Sache. Wir veranstalten eine Fachkonferenz für unsere Kunden, und danach gibt es als als gemeinsames Erlebnis einen Wiesnbesuch. Was wir unseren Kunden bieten dürfen, ist im Übrigen klar reglementiert. Das muss sich alles auf sehr geringem Wertniveau bewegen, es darf auf keinen Fall Türöffner sein, um Geschäfte zu machen. Darauf achten die Banken sehr stark.

In der Branche hat sich viel verändert. Kurz nachdem Sie Ihre jetzige Position als Leiterin des Teams Wertpapier-Anlagelösungen antraten, wurde die Finanzkrise offensichtlich. Das war ja ein Spitzen-Timing …

Allerdings! (lacht)

… Wie hat das Ihre Arbeit beeinflusst?

Ich war in hohem Maße als Krisenmanager gefordert. Innerhalb von kürzester Zeit hat sich die Einstellung zu strukturierten Produkten, also dem Themenfeld, für das ich verantwortlich bin, in Deutschland von einem sehr positiven Bild ins krasse Gegenteil gewandelt. Jeder einzelne Baustein, der für mein Themenfeld gültig war, musste kritisch hinterfragt und neu ausgerichtet werden. Angefangen von Marketingbotschaften über Produktkonzepte, die vollkommen verändert werden mussten, bis hin zur Namensgebung von Produkten. Im Januar 2009 war fast alles anders als noch im Januar 2008.

Wie haben Sie das gemacht?

Mein Job war es, das alles zu steuern, und das hieß auch: Erst einmal die Meinungsbildung herbeizuführen und dann sehr zeitnah die Entscheidungen zu fällen, wie man mit der neuen Situation umgeht. Ich glaube, das ist eine weibliche Kompetenz: Dinge kritisch zu hinterfragen und dabei die Meinungen verschiedenster Parteien einfließen zu lassen, zu bündeln und dann hoffentlich zu einem vernünftigen Ergebnis zu kommen.

Woher kommt überhaupt Ihr Interesse an Finanzthemen? 

Im Wirtschaft-Leistungskurs in der Schule wurden Börsenspiele angeboten, das war mein erster Kontakt zu interessanten Anlageformen. In den 80ern war eine Aktie für Deutsche ja noch etwas Besonderes. Während der Banklehre war ich dann häufig in der Wertpapierabteilung, das ist bei mir auf sehr starkes Interesse gestoßen.

Gab es einen bestimmten Punkt, an dem Sie gesagt haben: Ich möchte mehr als am Bankschalter sitzen?

Eigentlich wollte ich nach der Lehre studieren. Wie es so typisch war: Abitur, dann Banklehre, dann Studium. Weil aber Akademiker nicht unbedingt wiederkommen, hat mir die Vereinsbank, damals BV, ein Förderprogramm angeboten. So bin ich unmittelbar nach der Banklehre in die Wertpapierberatung gewechselt. Ich bin dort sehr früh Führungskraft geworden. Mit 30 hatte ich eine Führungsspanne von 60 Leuten. Das war damals ein Rekord bei der HVB.

Was war hilfreich, um auf Ihrem weiteren Weg voranzukommen?

Ich habe mich immer für Themen entschieden, hinter denen ich mit Leidenschaft stehen konnte, das hat zu guter Leistung geführt, und die guten Leistungen mit viel Engagement haben dazu geführt, dass ich im Unternehmen gefördert wurde.

Muss man dazu nicht auch für sich die Trommel rühren?

Allerdings. Ich war aber damals sehr sachorientiert unterwegs, und ich hatte das Riesenglück, dass ich Vorgesetzte hatte, die mich gefördert haben, ohne dass ich mich selbst vermarkten musste. Sie haben meine Leistung erkannt und für mich getrommelt. Da hatte ich einfach Glück. Denn natürlich gehört das dazu, ich selbst habe das in jungen Jahren gnadenlos unterschätzt. Aber heute ist es etwas, das ich jungen Frauen mitgeben würde: Nicht übertrieben trommeln, davon halte ich nach wie vor nichts, aber eben Networking betreiben und Leistung visibel machen. Das sollte man nicht unterschätzen.

Im englischen Sprachraum wurde der Begriff Mancession geprägt, der besagt, dass durch die Rezession viele Männer ihre Jobs verloren haben. Manche argumentieren, dass in diesem Sinne die Finanzkrise eine Karrierechance für Frauen war. Sehen Sie das auch so?

Nein. Ich möchte mir nicht anmaßen, für Standorte wie New York oder London zu sprechen. Aber hier in Deutschland zählt Fachkompetenz. Das ist zunächst einmal nichts Spezielles, auch ein Ingenieur oder ein Handwerker muss Fachkompetenz besitzen, um Karriere zu machen. Aber die Expertise in meinem Team, das speziell mit Derivaten zu tun hat, ist sehr mathematisch geprägt.

Und ein Blick in die Statistiken verrät: Nur sehr wenige Mädchen entscheiden sich in der Schule für technisch-mathematische Themengebiete und später für ein Mathematik- oder Physikstudium. In Deutschland ist das Thema Mathematik oft schon in der Grundschule männlich vorbelegt. Das brauchen Sie aber, wenn Sie im Investment Karriere machen wollen. Wer soll die Jobs also bekommen, wenn auf der weiblichen Seite der akademische Nachwuchs mit diesem Fachwissen gar nicht da ist? Ich bin mit meiner Banklehre ohne Hochschulabschluss eine krasse Ausnahme, das muss man ganz klar sagen.

Auch als Frau?

Man hat als Frau immer eine Chance gehabt, in den Handelsraum zu kommen, und ich beweise ja auch, dass das funktioniert. Aber es gibt einfach wenige Frauen, die diese Affinität zum Thema Wertpapiere und Derivat haben. Bei Stellenausschreibungen bekomme ich immer mehr männliche als weibliche Bewerber, auch für Managementpositionen.

In welchen Moment haben Sie das Gefühl, ganz allein unter Männern zu sein?

Ach, gar nicht. Ich bin ein Kämpfer für die Sache, deshalb macht mir das nichts. Ich setze mich schon durch, wenn es sein muss. Auch gegen Männer. Allein fühle ich mich eh nicht, denn in meinem Team sind einige Damen.

Wie kommt das denn jetzt?

Ich bin für die Vermarktung und für den Vertrieb der Produkte verantwortlich, und so liegt bei mir eben auch das Marketing-Team. Das ist BWL-lastiger, und da gibt es viele Damen. Auf der Sales-Seite hingegen, wo es technischer wird, habe ich mehr Herren. Ich wünsche mir aber eine Durchmischung, weil da unterschiedliche Stärken zusammenkämen.

Gehen Frauen anders mit Geld um als Männer? 

Ich glaube schon ein bisschen. Der Deutsche ist ja generell ein konservativer Anleger. Aber ich denke, die Frauen sind bei der Anlage noch einen Tick konservativer als die Männer. Und die Trading-orientierten Produkte sind eher Männersache. Denn dabei, also zum Beispiel bei Optionsscheinen oder Turbozertifikaten, muss man die Zeit und den Spaß haben, nach der Arbeit den Markt zu beobachten und dranzubleiben. Hinzu kommt die Freude am Spiel, an der Wette. Die Statistiken zeigen, dass da die Zielgruppe eher männlich ist. Es kommen zwar auch Frauen nach, aber es ist schon immer noch ein Männerphänomen.

Was halten Sie dann von speziellen Bankprodukten für Frauen?

Ich finde es gut, dass Banken versuchen, Frauen zum Thema hinzuleiten. Aber Produkte zu bauen, die spezifisch auf Baskets von Aktien setzen, die aus frauenorientierten Unternehmen stammen, halte ich persönlich nicht für einen Geniestreich. Aber es muss ja nicht unbedingt ein Produkt sein, es kann auch ein Beratungsansatz sein. Denn in Deutschland besteht immer noch das Risiko, dass Frauen im Vergleich zu Männern unterversorgt sind. Das ist ja allgemein gar nicht bekannt, deshalb finde ich es richtig, solche Themen aufzugreifen. Eine Frau muss das aufgrund der Lebenssituation anders machen als ein Mann. Wegen der Fehlzeiten, weil man Kinder bekommt und so weiter, oder weil das Durchschnittseinkommen niedriger ist, findet man häufig eine stärkere Unterversorgung im Alter.

Wie lässt es sich denn ausgleichen, dass Frauen weniger verdienen als Männer? Wenn weniger da ist, kann man doch auch weniger zurücklegen.

Der springende Punkt ist, dass man rechtzeitig anfängt. Wenn ich gleich nach dem Studium anfange, fürs Alter vorzusorgen, erreiche ich mehr, als wenn ich erst mit 40 merke, dass ich ein Problem habe. Man sollte nicht nur planen: Ja, ich will heiraten und Kinder, sondern sich auch die Konsequenzen bewusst machen. Wenn eine Frau vorhat, eine Familie zu gründen, kann das zu mehreren Jahren Fehlzeiten führen. Helfen kann auch ein gewisser Mut zur Renditeorientierung. Frauen investieren ja sehr sicherheitsorientiert. Sie sollten sich ruhig fragen: Bleibe ich bei der klassischen Lebensversicherung und dem Sparbuch oder mische ich einen Aktienfond oder ein Zertifikat bei?

Wenn man nun feststellt, Frauen können über kluge Geldanlageentscheidungen ihre finanziellen Defizite am Arbeitsmarkt auffangen, liefert das auch Kanonenfutter für die Gegner politischer Maßnahmen, etwa einem finanziellen Ausgleich für Erziehungszeiten oder gleicher Verdienste für Frauen und Männer in derselben Position.

Nein. Dass man versucht, aus der Not eine Tugend zu machen, sollte kein Argument dafür sein, dass Frauen nicht dauerhaft gleichgestellt werden sollten, auch was finanzielle Themen angeht. Und ich glaube, kein Politiker wäre so vermessen, das als Argument zu nutzen. Und wenn die Frau irgendwann das gleiche verdient, aber mehr zur Vorsorge getan hat, ist das doch wunderbar: Dann hat sie halt mehr Rente.

Zur Person

Juliane Bürger (Jahrgang 1968) gelang der Einstieg ins Investmentbanking nicht auf dem klassischen Wege nach einem Studium, sondern über ein Förderprogramm nach der Banklehre bei der Bayerischen Vereinsbank AG, der Vorgängerin der HVB. Bereits als Produktmanagerin für Fonds und Zertifikate spezialisierte sie sich auf Derivate. Seit 2008 ist Leiterin im Team Wertpapier-Anlagelösungen der HypoVereinsbank onemarkets und dort für Deutschland, Luxemburg, Österreich und Osteuropa verantwortlich.

Frauen bei der HVB

Als erstes deutsches Unternehmen richtete die HypoVereinsbank im Dezember 2009 einen Frauenbeirat ein. Über die Hälfte der Mitarbeiter bei der HVB sind weiblich. Doch innerhalb der obersten 100 Positionen beträgt der Frauenanteil nur 14 Prozent, unter den Top 400 sind es 12,7 Prozent. Beides will das Unternehmen bis 2012 auf 20 Prozent steigern. Gibt es bei Besetzungsverfahren keinen weiblichen Kandidaten, muss das deshalb explizit begründet werden. Das Verfahren danach läuft nach dem üblichen Muster. Eine Frauenquote gibt es nicht.

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