Karriere & Entwicklung

Gute Vorsätze im neuen Jahr? Scheitern garantiert!

Gute Vorsätze. Bild: Gortincoiel/photocase.de

Werbung

[Ein Gastbeitrag von Steffen Kirchner]  Dieses Jahr aber! Die gleichen guten Vorsätze wie letztes Jahr oder sogar wie die letzten Jahre – Plural. Die gleichen Voraussetzungen, aber dieses Mal soll trotzdem alles anders werden. Nur, kann das gut gehen und sind gute Vorsätze überhaupt sinnvoll oder lassen wir es lieber gleich? Es folgen: fünf erprobte Strategien, wie du deine guten Vorsätze garantiert niemals umsetzen wirst – auch nicht 2017. Welche kommen dir bekannt vor und welche Alternativen gibt es?

Bild: Gortincoiel/photocase.de

Strategie 1: Belasse es dabei, über deinen guten Vorsatz nur nachzudenken.

Bloß nicht darüber sprechen. Rutscht er doch einmal heraus, schnell wieder vom Thema ablenken! Vermeide unbedingt konkrete schriftliche Zielfixierungen und suche dir auf keinen Fall Mitstreiter, die einen ähnlichen Vorsatz haben. Alleine scheitert es sich deutlich leichter als im Team!

„Mit der Entscheidung kommt die Hilfe.“ Diese indische Weisheit kann uns auch bei unseren Vorsätzen helfen. Wichtig ist aber, dass wir unsere Entscheidung auch in die Öffentlichkeit tragen. Die meisten haben kein Problem damit, sich selbst zu enttäuschen, andere enttäuschen sie aber nur sehr ungern. Das hat viel mit unserem Streben nach Bedeutsamkeit und Anerkennung zu tun, eines der sechs emotionalen Grundbedürfnisse des Menschen. Machen wir unseren Vorsatz öffentlich, geraten wir unter Zugzwang und setzen uns selbst unter Druck, denn versagen wir, leidet unser Selbstwertgefühl.

Wir erreichen, was wir uns vorgenommen haben, nicht mehr für uns selbst, sondern für die anderen.

Wir erreichen, was wir uns vorgenommen haben, nicht mehr für uns selbst, sondern für die anderen. Wir werden extrinsisch, von außen, motiviert – ein alter Streitpunkt unter Motivationsexperten, ob das überhaupt möglich ist. Ist es, sogar längerfristig, aber wer ein Leben lang nur Ziele verfolgt, um es anderen zu beweisen, den wird das Erreichen dieser Ziele am Ende nicht glücklich machen.

Es kursiert die Geschichte eines Mannes, der Schauspieler wurde, weil sein Vater es so wollte. Er ist erfolgreich, gewinnt sogar einen Oscar. Nachdem er ihn überreicht bekommt, hält er ihn in die Kamera und fragt: „Ist es jetzt genug, Papa?“ Vielleicht ist ihm erst in dem Moment seines größten Erfolges bewusst geworden, dass er die ganze Zeit nicht seinen eignen, sondern den Traum seines Vaters verfolgt hat.

Befreie dich von äußeren Zwängen

Jährlich grüßt das Murmeltier. Quelle: Steffen Kirchner
Jährlich grüßt das Murmeltier. Quelle: Steffen Kirchner

Neben den Erwartungen der Eltern übernehmen wir die Ansprüche der Gesellschaft. Ein gutes Beispiel dafür und ein beliebter Vorsatz: abnehmen, am besten zehn Kilo. Die meisten wollen gar nicht so viel abnehmen, hätten sie nicht das Gefühl, die Gesellschaft würde es erwarten. Das einzige Problem: Bei einem Vorsatz, den wir uns durch gesellschaftlichen Druck vorgenommen haben, fehlt uns die notwendige Energie, die wir nur bei eigenen Lebenszielen freisetzen können. Also, erst überlegen, was die eigenen Wünsche für 2017 sind und sie dann auch nach außen kommunizieren und Mitstreiter suchen. Das schafft neben dem eigenen Antrieb, zusätzliche Motivation von außen.

Strategie 2: Vermeide konkrete Zielformulierungen.

Lege keinesfalls genau fest, bis wann du was genau erreichen möchtest. Bleibe so vage wie möglich! Schwammige Formulierungen wie „Ich möchte nächstes Jahr mehr Sport treiben und abnehmen“ oder „Ich möchte mehr Zeit für mich haben und weniger arbeiten“ sind die perfekte Basis für Misserfolge. Vermeide Zahlen und Fakten, die messbar und somit nachprüfbar sind. Je unkonkreter der Vorsatz ist, desto leichter kann man ihn vernachlässigen und am Ende vergessen.

Was ist mehr Sport? Vielleicht zweimal die Woche? Aber was heißt zweimal die Woche? Ist noch immer ziemlich vage. Für wie lange, was für ein Sport und wie intensiv?

Was ist mehr Sport? Vielleicht zweimal die Woche? Aber was heißt zweimal die Woche? Ist noch immer ziemlich vage. Für wie lange, was für ein Sport und wie intensiv? Zweimal die Woche Sport könnte bedeuten, du triffst dich mit Freunden zu einer Partie Darts, gehst auf den Golfplatz oder zum Schach. Sicher auch schön, aber kommst du dem Ziel, das hinter deinem Vorsatz steht, damit näher?

Ziele sind Leuchttürme. Sie müssen schwarzweiß sein, damit man ganz konkret sagen kann: erreicht oder nicht erreicht. Sie brauchen deshalb verbindliche Größenangaben – Kilo, Zeiten oder Geldbeträge. Und sie sollten detailliert sein: zwei Mal für 45 Minuten Sport im Fitnessstudio, mit einer Pulsfrequenz von 120 bis 130 Schlägen. Das wäre optimal, wenn du durch mehr Sport dein Gewicht reduzieren möchtest. Sport kann ansonsten auch übergewichtig machen – meist nicht das gewünschte Ziel. Tennis zum Beispiel bringt für die Fettverbrennung gar nichts. Jedenfalls nicht, wenn man es ein oder zweimal in der Woche spielt. Das Spiel hat keinen gleichbleibenden hohen Rhythmus. Gönne ich mir dann als Belohnung für mein hartes Training ein schönes Stück Torte, erreiche ich genau das Gegenteil.

Was? Wie? Warum? Zeit-, Raum- und Datumsangaben

Definiere bei deinen Vorsätzen nicht nur, was du tust. Das Wie ist genau so wichtig und das Warum. Was will ich erreichen? Mit welcher Sportart erreiche ich es, wie oft und wie intensiv muss ich trainieren? Ziele sind dann gut gesetzt, wenn ein Bild in meinem Kopf und dem von anderen entsteht, wenn ich sie ausspreche – eine konkrete Szene, die nicht austauschbar ist. Bei zweimal die Woche Sport, sind tausend verschiedene Szenen möglich.

Strategie 3: Entwickle keinesfalls einen Plan, wie du deine Vorsätze umsetzen willst.

Vermeide schriftliche Strategien, wie du dein Ziel erreichen willst und was du dafür ab sofort jeden Tag tun wirst. Positive tägliche Gewohnheiten, die auch noch schriftlich fixiert sind, sind der Tod des Misserfolgs!

Bleiben wir bei unserem Sportbeispiel, wissen wir jetzt, was wir wie oft und wie lange machen wollen. Fehlt trotzdem noch ein Plan zur Umsetzung, denn irgendetwas machen wir jetzt in dieser Zeit schon. Was muss ich ab sofort dafür tun und was muss ich ab sofort lassen, wenn ich zweimal die Woche Sport machen will? Wer nimmt die Kinder in den zwei Stunden? Wann mache ich die Arbeit, die ich sonst in der Zeit erledigt habe? Was muss ich mir freischaufeln?

Standards schaffen und Aufgaben delegieren

Wir müssen Standards einführen. Sie machen uns das Leben leichter, denn der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Will ich mich gesünder ernähren, lege ich fest, welche fünf Dinge ich in Zukunft essen sollte und welche nicht? Wie sollte mein Ernährungsplan aussehen und wo kaufe ich ein? Wie organisiere ich Einkäufe und Mahlzeiten? Organisation kostet Energie und Zeit. Schaffen wir von Anfang an Standards, müssen wir nicht von Woche zu Woche von vorne beginnen und erneut Energie aufwenden. Jeden Montag einen Babysitter für die Woche suchen?

Da fällt die Stunde im Fitnessstudio schnell mal unter den Tisch und die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass das wieder und wieder passiert und man es am Ende ganz lässt. Besser: das Kindermädchen ist grundsätzlich gebucht. Profis haben sogar eine Ersatzstrategie parat, die das Kindermädchen organisiert, fällt es selbst einmal aus. Die Verantwortlichkeiten sind klar festgelegt.

Strategie 4: Sorge dafür, dass du so selten wie möglich an deine Vorsätze erinnert wirst.

Wiederholte Erinnerungen sind gefährlich für den Misserfolg, denn je häufiger du dir dein Ziel vor Augen führst, desto intensiver verankert sich dein Wunsch im Gehirn, was deinen Antrieb (oder auch dein schlechtes Gewissen bei Faulheit) steigert, aktiv zu werden. Am besten du sorgst dafür, dass du spätestens ab der zweiten Januarwoche alles wieder vergessen hast, was du dir im alten Jahr vorgenommen hast.

Zirka 60.000 Gedanken feuert unser Gehirn am Tag ab, geprägt von den Anforderungen, Aufgaben und Erwartungen, die wir uns selbst und andere an uns stellen.

Zirka 60.000 Gedanken feuert unser Gehirn am Tag ab, geprägt von den Anforderungen, Aufgaben und Erwartungen, die wir uns selbst und andere an uns stellen. Der Mann will etwas, der Chef auch oder die Kinder und selbst unsere Freunde erinnern uns oft daran, was sie von uns wollen. Dabei vergisst man oft, was man eigentlich selbst will und verschenkt seine Gedanken nur an die Ziele anderer.

Eine Motivationskollage ist ein klassisches Tool, sich seiner eigenen Vorsätze zu erinnern. Wir können sie als Bildschirmhintergrund nutzen auf dem Laptop, Handy oder iPad. Wichtig: die Kollage sollte nicht nur die Ziele enthalten, sondern auch, was wir für sie tun müssen. Ich nutze – ganz analog – eine Zetteltechnik. Auf einen DinA5-Zettel schreibe ich oben mein Ziel und darunter, was ich machen muss, um es zu erreichen. Diesen Zettel nehme ich drei Wochen lang überall mit hin. So habe ich ihn ständig in der Hand; ich lege ihn auf mein Handy oder daneben und sehe ihn mehrmals täglich.

Die Standardisierung der Erinnerung

Zeitliche Fixpunkte, die bereits im Alltag bestehen, bieten ebenfalls die Möglichkeit, neue gewünschte Gewohnheiten zu schaffen, zum Beispiel direkt nach dem Aufstehen. Und Apps sind heutzutage ein gutes Hilfsmittel: Viele nehmen sich immer wieder vor, sich auf der Arbeit mehr zu bewegen oder kleine Ausgleichsübungen zu machen, um den Nacken zu entspannen und den Rücken zu entlasten. Das Problem: sie vergessen es einfach.

Ich selbst habe eine Trinkwasser App, die alle dreißig Minuten klingelt. Sie wurde ursprünglich für alte Leute entwickelt, damit sie regelmäßig trinken, lässt sich aber wunderbar umfunktionieren. Oder man stellt einfach den Handywecker. Wichtig ist, dass wir uns eine Routine schaffen. Es kursiert eine 21-Tage-Regel, die lautet: Wiederholt man etwas täglich über diesen Zeitraum, hat sich eine Routine entwickelt. Ich halte sie nicht für allgemeingültig, denn es gibt Gewohnheiten, die haben wir schneller drin, für andere brauchen wir wesentlich länger.

Je häufiger ich etwas wiederhole, desto schneller habe ich es verinnerlicht.

Dabei spielen viele Einflussfaktoren eine Rolle, aber Fakt ist: Je häufiger ich etwas wiederhole, desto schneller habe ich es verinnerlicht. Wichtig ist ein wiederkehrender Rhythmus, der jeden Tag gleich ist und nicht nach dem Motto praktiziert wird: „Ach, ich mache meine Übung heute zweimal, dann kann ich sie mir morgen sparen.“ Die Hilfskrücken, Zettel und den Alarm, brauche ich nur vorübergehend. Nach Wochen hat das Gehirn den Ablauf unterbewusst gespeichert. Ein Grund, warum es für Kinder gut ist, ihre Hausaufgaben immer am gleichen Ort zu machen.

Strategie 5: Um absolut sicher zu gehen: Setz dir ein extrem großes Ziel!

Es sollte so groß sein, dass du dir nicht vorstellen kannst, wie du es überhaupt erreichen sollst. Und denke immer wieder daran, wie weit du von ihm entfernt bist und wie unendlich weit der Weg noch ist.

„Think big und behalte dein Ziel stets vor Augen!“ Was in der Theorie logisch klingt, erweist sich in der Praxis als ziemlicher Blödsinn. Das Märchen von der ewigen Zielorientierung lässt einen entscheidenden Punkt in der Geschichte aus: Zielorientierung ist eine Frage des Timings. Klar ist ein (Lebens-)Traum wichtig, aber er ist als Fixstern zu sehen. Seine Aufgabe ist es dabei gar nicht, von dir erreicht zu werden, sondern sein Sinn liegt darin, dass du dich durch ihn entwickelst, er dich in Bewegung bringt. Ein guter Vorsatz oder besser ein gutes Ziel sollte immer das eigene Verhalten verändern. Passiert das nicht, ist es nicht der richtige Vorsatz oder das richtige Ziel. Der Fokus sollte außerdem immer wieder weg vom Ziel, hin zur Aktion gehen, zu den Standards. Dann kann man gerne nach einem halben Jahr oder Jahr seine Zwischenbilanz ziehen und sich den Entwicklungsprozess anschauen.

Ständige Zielorientierung adé

Einzelne Momente sollten nicht das Maß der Dinge sein – weder die guten noch die schlechten. Viele erleiden nach einem guten Anfang einen Rückschlag und verlieren dadurch den Mut. Sie definieren ihren Erfolg und sich selbst durch Fixpunkte. Sie sehen das große Ziel vor sich und wie weit sie in ihrem Tal davon weg sind. Dabei vergessen sie, die unglaubliche Entwicklung der letzten Monate. Wer auf Bundesliganiveau spielt, hat vielleicht 15 Jahre gebraucht, um dieses Niveau zu erlangen. Nach einer Verletzung, nach der die Muskeln wieder wie bei einem Dreizehnjährigen aussehen, braucht er oder sie trotzdem nicht wieder 15 Jahre, um auf das gleiche Level zu kommen.

Schwer ist nur, die Grenzen noch einmal weiter zu verschieben. Also, weg von der ständigen Zielorientierung, Zwischenschritte festlegen für kleine Erfolgserlebnisse und stets den Prozess betrachten und nicht einzelne Ereignisse bewerten. Natürlich gibt es auch Menschen, die setzen sich zu kleine Ziele. Ein Ziel ist ein künstlich geschaffenes Problem, das ich eigentlich gar nicht hätte. Es schaltet das Hirn ein, reanimiert es sozusagen mit der Frage: „Wie kannst du es noch besser machen?“ Wer sich keine Ziele steckt oder nur klitzekleine, versucht Probleme zu vermeiden, was bedeutet: keine Entwicklung. Und Stillstand macht auf Dauer unglücklich.

Steffen Kirchner
Steffen Kirchner

Zum Autor:

Personality-Coach Steffen Kirchner (www.steffenkirchner.de) verfügt über Expertise in den Bereichen Motivation, Persönlichkeit und Erfolg. Über 500 Unternehmen, ProfisportlerInnen und Teams hat der 35-jährige in den letzten sieben Jahren beraten. Darunter auch Nationalkader-Athleten, die Tennisspielerin Sabine Lisicki oder Unternehmen wie Audi, Siemens oder RWE.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen