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Frauen in Frankreich: Freiheit, Gleichheit, Schwesterlichkeit?

Karriere in Frankreich. Bild: kemai/photocase.de

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[Text: Verena Breuer] Vom geringeren Gender Pay Gap bis zur fetten Frauenquote für Konzernvorstände: Frankreichs Frauen arbeiten anders. Elegant, graziös, mit savoir-vivre, so scheinen sie Karriere und Kinderwagen zu schaukeln. Schließlich haben Französinnen ja einen Ruf zu verteidigen. Auf Bewerbungsfotos sehen sie entsprechend schick aus, doch die Türen zur Chefetage öffnen sie auf anderem Wege – und bekommen dabei Schützenhilfe aus einer ganz unglamourösen Ecke.

Bild: kemai/photocase.de

Im Dezember 2012 strahlt die 45-jährige Carla Bruni-Sarkozy faltenfrei von der französischen Vogue, sie schwärmt von den Freuden des Familienlebens, 2013 veröffentlicht sie ein neues Album. Die ehemalige First Lady, pardon, Première Dame, präsentiert Karriere, Familie und gutes Aussehen im harmonischen Einklang.

Und die restlichen rund 32,9 Mio. Französinnen?

Marion Batteux arbeitet in einer Pariser Consulting-Agentur und lächelt den Besucher ihres LinkedIn-Profils mit zur Seite geneigtem Kopf charmant an. „Ich finde es wichtig, dass Frauen zu ihrer Weiblichkeit stehen und keine typisch männlichen Codes annehmen, um an Führungspositionen zu gelangen“, so die 28-Jährige. Sie selbst bekam ihre erste Stelle ohnehin nicht wegen ihres Aussehens, sondern wegen ihrer guten Ausbildung: Sie setzte einen MBA in Buenos Aires auf einen Master an einer Grande Ecole in Toulouse.

  • Grandes Ecoles: Die unabhängigen Grandes Ecoles entstanden zunächst als technische Hochschulen neben den Universitäten. Mit der Zeit entwickelten sich parallel auch Wirtschaftshochschulen, die an die amerikanischen business schools erinnern. In sehr harten Aufnahmeverfahren („Concours“) werden die besten Bewerber für die wenigen Studienplätze ausgewählt. Viele Abiturienten bereiten sich zunächst in zweijährigen Vorbereitungskursen auf die „Concours“ vor. Die Grandes Ecoles vergeben staatlich geschützte und je nach Hochschule in der Anzahl stark begrenzte Diplome. Absolventen profitieren vom hohen Ansehen der Hochschulen und Diplome sowie von den gut ausgebauten Absolventennetzwerken. Führungspositionen werden oft direkt mit den Absolventen besetzt; für die anderen Mitarbeiter gibt es deshalb nur wenige Aufstiegschancen innerhalb des Unternehmens. Im Jahr 2002 kamen 62 Prozent der Studenten aus Familien mit Eltern in Führungspositionen, 5,7 Prozent aus Angestellten- und 5,2 Prozent aus Arbeiterfamilien.

Um einen Platz an einer Grande Ecole kämpfen alle, die heutzutage in Frankreich Karriere machen wollen. „Auf dem französischen Arbeitsmarkt existiert noch immer eine reale Diskrepanz zwischen den Absolventen der Grandes Ecoles und den Absolventen der Universitäten, und das umso mehr in der Krise“, kritisiert Adeline Braescu-Kerlan. Sie ist Mitbegründerin von WoMen’up, einer Organisation, die Geschlechtervielfalt in französischen Unternehmen fördern will.

Doch gerade für Ingenieurswissenschaften scheinen die Vorteile der Grandes Ecoles auf der Hand zu liegen: „Die Methoden kommen direkt aus der Arbeitswelt, und die Lehrenden sind zu einem großen Teil in Unternehmen tätig, so dass sie ständig die Spitzentechnologie vermitteln können“, sagt Marie-Sophie Pawlak, Vorsitzende der Organisation Elles bougent (dt. „sie bewegen (sich)“), die Schülerinnen und Studentinnen mit Frauen aus technischen Berufen zusammenbringt.

Männer werden für kompetenter gehalten als Frauen

Die letzten Daten des französischen Statistikamts INSEE aus dem Studienjahr 2009/10 belegen jedoch: Frauen machen mit 57,8 Prozent zwar die Mehrheit der Studierenden insgesamt aus, aber immer noch sitzen sie in Ingenieursstudiengängen nur zu 26,1 Prozent. Doch in entsprechenden Berufen sieht Pawlak gute Chancen für Frauen: „In Unternehmen, die eine Gleichbehandlungspolitik zeigen, haben Frauen bereits Vorteile“, sagt sie. In kleinen und mittleren Unternehmen, die in dem Bereich noch nicht so weit sind, müssten sie allerdings intern die immer noch bestehenden Stereotype zerschlagen. Dennoch: „Frauen haben die gleichen Aufstiegschancen wie Männer, vielleicht sogar höhere, falls es weniger weibliche als männliche Mitarbeiter gibt.“

Eine von ihnen ist Anne-Laure Nogué (29): Die Ingenieurin bei der französischen Bahngesellschaft SNCF leitet ein Team von etwa 50 Personen – und hat eine andere Sicht auf die Chancengleichheit bei Führungspositionen in Frankreich. „Ich habe nur wenige weibliche Kollegen. Die Manager sind im Wesentlichen männlich. Männer werden in den Kernbereichen meines Unternehmens für kompetenter gehalten als Frauen“, sagt Nogué.

Die französische Politik schafft eine Basis für Karrierefrauen

Das Wahrnehmungsdilemma haben Französinnen schon vor Jahrzehnten beim Namen genannt: „Man kommt nicht als Frau zur Welt, man wird es“, schrieb die Feministin Simone de Beauvoir Mitte des 20. Jahrhunderts. Seitdem wurde viel für die Gleichberechtigung getan – zumindest auf dem Papier: Quoten und Gesetze sollen die Französinnen in allen möglichen Bereichen unterstützen. Zum Beispiel bei der Familienplanung: Für Kinder ab 10 Wochen gibt es bezuschusste Krippenplätze, ab dem dritten Lebensjahr gehen die meisten Kinder in die kostenlose staatliche Ecole maternelle; die anschließende Ecole élémentaire und die weiterführenden Schulen sind Ganztagsschulen. Auch auf Unternehmensseite gibt es Unterstützung, etwa betriebseigene Krippen.

Zudem profitieren Familien von den allocations familiales, verschiedenen, meist einkommensabhängigen Familienzulagen. Dazu gehören Kindergeldbeiträge, Beihilfen während Schwangerschaft und Kleinkindalter, Erziehungsgeld im Falle einer Berufsunterbrechung und Steuerermäßigung bei Beschäftigung einer Tagesmutter.

In meinen Augen bietet die französische Familienpolitik eine essentielle Unterstützung zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie“, urteilt Anne-Laure Nogué. Sie hat einen sieben Monate alten Sohn, ebenso wie sie arbeitet ihr Mann in einer Führungsposition – in Vollzeit. „Wir teilen uns die Aufgaben, kümmern uns ums Kind und die tägliche Logistik. Natürlich hat jeder seine Präferenzen, aber wir versuchen, ein Gleichgewicht zu finden zwischen Zeit für uns selbst, fürs Baby und für uns als Paar“, sagt Nogué.

Wichtig für den Erfolg der Familienpolitik à la française ist eben auch die Mentalität der Franzosen: Sind beide Eltern berufstätig, kommt dem Mann weder die Rolle des Versorgers noch die des Hausmanns zu. Und der frühe Kontakt des Kindes zu anderen, viele unterschiedliche Einflüsse bei der Erziehung gelten als förderlich. So zögern die französischen Mütter nicht lange, ihr Kind schon früh in fremde Hände zu geben. Zusammen mit der Familienpolitik klingt das so perfekt wie in Carla Brunis Titelstory. Trotzdem wünscht sich Nogué Verbesserungen: „Mehr Plätze für Kleinkinder, mehr Mutterschaftsurlaub ohne Lohnausfall, mehr Aufnahmekapazitäten der Ecole maternelle.“

  • Das Land der Frauen-Gesetze und -Quoten: Seit 1983 gab es in Frankreich drei Gesetze zur beruflichen Gleichbehandlung von Männern und Frauen plus eine Frauenquote für einige politische Wahlen. Im Jahre 2011 führte Frankreich schließlich eine Frauenquote von 40 Prozent ein in den Vorständen börsennotierter Unternehmen sowie von Unternehmen mit mindestens 500 Mitarbeitern und mindestens 50 Millionen Euro Jahresumsatz. In zwei Schritten soll das Ziel bis 2017 erreicht sein. Einige Unternehmen haben schon jetzt die für 2014 festgelegte Quote von 20 Prozent erreicht.

Erste Anzeichen für einen Mentalitätswandel

Während die deutsche Frau statistisch gesehen nur 1,4 Kinder bekommt, sind es bei der französischen 2,01. Zur Erhöhung der Geburtenrate hat in Ländern wie Frankreich die Unterstützung berufstätiger Mütter beigetragen, befindet das französische Institut für demografische Studien INED. Das höhere Einkommen dieser Familien erlaubt ihnen offenbar, mehr Kinder zu bekommen. Allerdings gilt das nicht auf allen Ebenen: Auch in Frankreich sind die meisten Geringverdiener weiblich; im Unterschied zu Deutschland gibt es jedoch einen gesetzlichen Mindestlohn.

Das medienwirksame Vie en rose der ehemaligen Präsidentengattin ist dennoch gar nicht so realitätsfern. Den politischen Maßnahmen hinkt der Mentalitätswandel zwar hinterher. Aber Adeline Braescu-Kerlan sieht optimistisch in die Zukunft: „Die Jungen der heutigen Studentengeneration wollen ebenfalls Berufs- und Privatleben in Einklang bringen. Was diese Jugendlichen – Jungs und Mädchen – gemeinsam haben, ist die Suche nach einem neuen Gleichgewicht.“

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