Gender Diversity Karriere & Entwicklung

Dr. Bernd Slaghuis: „Frauen tun sich mit dem Karrierestart schwerer als Männer.“

Karrierecoach Dr. Bernd Slaghuis

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Dr. Bernd Slaghuis ist promovierter Ökonom, Systemischer Coach und Experte für neue Karrieren und gesunde Führung. Seit 2011 betreibt er seine eigene Coaching-Praxis in Köln. Dort hat er sich auf Anliegen rund um Karriereplanung und Neuorientierung sowie das Coaching von Führungskräften aus dem mittleren Management spezialisiert. Sein Blog „Perspektivwechsel“ zählt zu den meistgelesenen Karriere-Blogs in Deutschland. Er schreibt für diverse Karriere- und Management-Magazine und ist XING Branchen-Insider für Karriere, Bewerbung und Führung.


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In einem Interview wurde mir die Frage gestellt, ob der Karrierestart für Frauen schwerer als für Männer sei. Wie siehst du das?

Ich möchte es anders formulieren: [clickandtweet handle=““ hashtag=““ related=““ layout=““ position=““]Frauen tun sich mit dem Karrierestart schwerer als Männer.[/clickandtweet] Aus meiner Sicht liegt dies nicht an den „bösen“ Arbeitgebern, die Frauen benachteiligen, sondern an der eigenen Haltung vieler Frauen als Bewerberinnen. Viele Frauen, die zu mir in die Beratung kommen, fragen mich nach der richtigen Angabe des Familienstatus im Lebenslauf. In Ihren Köpfen steckt, dass ein „Verheiratet, keine Kinder“ im Alter von 30 Jahren für den Recruiter ein Grund ist, die Bewerbung auf den Absage-Stapel zu legen. Ich glaube, dass das großer Quatsch ist und Arbeitgeber da sogar schon fortschrittlicher denken als manche Bewerberin es heute tut.

Es gibt heute kaum noch typische Männer- oder Frauenberufe und die Initiativen zur Frauenförderung sollten auch inzwischen greifen. Bei bestimmten Arbeitgebern, etwa im öffentlichen Dienst, werden weibliche Bewerberinnen sogar bei gleicher Eignung bevorzugt.
Es mag aus meinem Mund als Mann hart klingen, aber ich denke, es ist an der Zeit, dass Frauen als Bewerberin ihre sicherlich früher stattgefundene Benachteiligung endlich aus den Köpfen streichen und selbstbewusst sowie vor allem authentisch mit ihren männlichen Mitbewerbern als Frau auf Augenhöhe auftreten.

Bei Frauen – oder besser gesagt: bei Müttern – sehe ich oft die Herausforderung, nicht einen Karriereknick durch die Erziehungszeit zu „erleiden„. Wie ist deine Sicht?

Das mit dem Karriereknick ist so ein Ding. [clickandtweet handle=““ hashtag=““ related=““ layout=““ position=““]Manchmal glaube ich, es handelt sich nur um einen Mythos – in den Köpfen von Frauen. [/clickandtweet]Aus meiner Sicht ist es ein Denkfehler von Frauen, anzunehmen, die Karriere müsse nach ein paar Jahren der Kindererziehung nahtlos weiter wie zuvor verlaufen. Nicht, weil sie für den Arbeitsmarkt weniger attraktiv sind, sondern weil die Erziehungszeit doch auch prägt. Ich erlebe viele Mütter, die beim Wiedereinstieg ganz andere Werte und Ziele für den neuen Job zugrunde legen – und entsprechend auch ihren Karriereweg anpassen sollten. Sie möchten bewusst weniger arbeiten als zuvor, um mehr Zeit für die Familie zu haben, sie wünschen sich flexible Arbeitszeiten oder Homeoffice-Regelungen. Wer diese Entwicklung, wenn auch nur unterbewusst, als Karriereknick interpretiert, begibt sich in eine insbesondere als Bewerberin schädliche Opfer-Haltung.

Sicherlich gibt es immer Extremfälle: Die kurz vor der Wahl zur neuen Vorständin stehende Bereichsleiterin oder die Projektleiterin, die gerade in ein neues Großprojekt eingestiegen ist. Zu diesen Zeitpunkten für mehrere Monate oder Jahre raus aus dem Job zu gehen, ist sicher nicht ideal. Doch selbst das sollte doch heute in unserer modernen Arbeitswelt kein k.o.-Kriterium für eine auch nach der Elternzeit zufriedenstellende Karriereentwicklung mehr sein.

Welche Chancen siehst du für Frauen durch die Digitale Transformation?

Erst einmal bin ich froh, dass die Digitalisierung hier nicht wie so oft in den Medien als Schreckgespenst, sondern als Chance gefragt ist. Die Digitale Transformation führt schon seit Jahren zu einem grundlegenden Wandel in der Arbeitswelt und den Formen, wie Menschen in Unternehmen und Teams zusammen arbeiten.

Aus meiner Sicht liegt die Hauptursache für die aktuell hohen Belastungen von Angestellten am Arbeitsplatz vor allem darin, dass wir – also unser Gehirn – noch nicht gelernt haben, mit den neuen Technologien gesund umzugehen. Arbeits- und Lebenszeit fließen immer stärker ineinander, dank 24/7-Erreichbarkeit gibt es nicht mehr den klassischen Feierabend.

Gleichzeitig hat sich das Verständnis von Karriere verändert. Selbstverwirklichung, Herausforderung und Anerkennung sind heute wichtige Antreiber für Berufstätige. Auch hierbei spielt die Digitale Transformation aus meiner Sicht eine Rolle. Wir brauchen Lösungen in Form von frischem Karriere-Denken sowohl bei HR, Chefs und Angestellten, aber auch ein neues Bewusstsein für den Umgang mit modernen Kommunikationstechnologien. Viele Prozesse und Strukturen gerade in Großkonzernen tun so, als gäbe es keine Transformation. Veränderungsresistenz muss überwunden und Offenheit für Neues sollten stärker gelebt werden.

Ob Frauen oder Männer besser gerüstet sind für diesen Wandel und ob sich für Frauen besondere Chancen bieten, das vermag ich heute nicht zu beurteilen. Ich sehe, dass es immer stärker um das Management von Beziehungen im Job geht, besonders in der Mitarbeiterführung. Nicht die Führungskraft mit dem besten Methodenkoffer wird in Zukunft erfolgreich sein, sondern die, die gut Beziehungen zwischen Menschen aufbauen und wirkungsvoll managen kann. Hier sind Frauen aus meiner Sicht im Vorteil.

Dies wird aber auch nur gelingen, wenn Frau tatsächlich im Job Frau bleibt. Zu viele Frauen versuchen aus meiner Wahrnehmung heute noch, den harten Kerl zu spielen und verspielen damit die wertvollen Stärken, die Frau ausmacht. Vielleicht ist die Digitale Transformation ja sogar ein nützlicher Prozess, um auch eine Transformation in den Köpfen und in der Haltung mancher Frau im Job zu sich selbst und zu ihrem Umfeld zu bewirken?

Wenn du dir deine Coaching-Arbeit anschaust: Haben Frauen und Männer unterschiedliche Fragestellungen, mit denen sie zu dir kommen?

Ja, das haben sie. Ich beobachte besonders im Bereich Job und Karriere, dass sich Frauen viel früher kritisch hinterfragen und ihre aktuelle Situation reflektieren. Ein Schwerpunkt meiner Arbeit sind Anliegen zur beruflichen Neu-/Umorientierung und ich schätze, dass der Anteil von Frauen 80 Prozent aller Anfragen bei mir ausmacht.

Sie sind meist im Alter zwischen Mitte Vierzig und Anfang Fünfzig und stellen sich die Frage, ob das, was sie aktuell tun, noch das Richtige für die nächsten Jahre ist. Das Alter von 50 Jahren erscheint mir im Bewusstsein vieler Arbeitnehmer als Grenze zu gelten, überhaupt noch einmal den Arbeitgeber, die Branche oder sogar den Beruf zu wechseln. Viele Frauen erkennen, dass sie etwas verändern möchten, wissen aber noch nicht genau, wohin die Reise für sie gehen könnte. Manche haben schon Ideen im Kopf, ihnen fällt jedoch die Bewertung und Entscheidung schwer und sie suchen nach dem passenden Weg, ihre Veränderung konkret umzusetzen.

Männer scheinen mir hingegen noch sehr im Karriere-Denken verhaftet zu sein und für sie gilt häufig eher Augen zu und durch, wenn sie Unzufriedenheit im Beruf spüren. Ich bekomme ab und zu Anfragen von Klienten, die sich nach einem Burnout und oftmals auch stationärer Therapie wieder fit fühlen und den Wiedereinstieg in den Beruf gezielt planen möchten. Dies sind meistens Männer, die im alten zu lange durch- und ausgehalten haben.

Bei Frauen beobachte ich zudem, dass sie sich bei Job-Themen stärker als Männer selbst im Weg stehen. Sie trauen sich bestimmte Karriere-Schritte nicht zu, können ihre bisherigen Erfolge schlecht wertschätzen oder glauben, dass ihnen Kompetenzen fehlen. Sie belegen erst etliche Weiterbildungen, bevor sie sich erlauben, den nächsten Schritt zu gehen. Männer sind da meist selbstbewusster und machen einfach, was sicherlich auch nicht immer die beste Idee ist.

Mit welchen Fragestellungen kommen deine Klienten zu dir?

Ein Schwerpunkt ist das Thema Neuorientierung im Beruf und dies aus sehr unterschiedlichen Beweggründen heraus: Viele Klienten sind in einem ungekündigten Angestelltenverhältnis und suchen nach Orientierung und Klarheit über den nächsten für sie sinnvollen Schritt. Oftmals ist auch bereits die Kündigung durch den Arbeitgeber ausgesprochen und Arbeitnehmer betrachten diesen „Tritt in den Hintern“ als guten Zeitpunkt, um grundsätzlich über die weitere Entwicklung nachzudenken.

Einer der Schwerpunkte in meinem Karriere-Blog ist das Thema Bewerbung. So bekomme ich heute auch zahlreiche Anfragen von Bewerbern, die nur ihre Unterlagen besprechen möchten oder die bemerken, dass sie mit ihren Bewerbungen bei Arbeitgebern nicht punkten können. Neben der Optimierung ihrer Unterlagen ist es mir wichtig, an ihrer Haltung als Bewerber zu arbeiten. Denn nur wer selbst Klarheit über sich hat, kann diese auch gegenüber einem potenziellen Arbeitgeber schaffen. Außerdem ist es mir wichtig, dass Bewerbung heute ein Prozess auf Augenhöhe ist, bei dem sich zwei gleichwertige Interessenten treffen und gegenseitig prüfen.

Der dritte Teil der Anfragen betrifft Führungsthemen. Es kommen Führungskräfte zu mir, um ihre Selbstorganisation in den Griff zu bekommen, Probleme mit schwierigen Mitarbeitern zu klären, die Kommunikation im Team zu verbessern oder auch um mit dem eigenen Chef besser zusammen zu arbeiten.
Hinter vielen beruflichen Anliegen verbergen sich oftmals auch private Themen, die für mich im Coaching-Prozess ebenso Platz haben.

Warum kann es überhaupt sinnvoll sein, sich coachen zu lassen?

Viele berichten mir im Vorgespräch, dass sie schon zahlreiche Bücher gelesen haben, doch die Umsetzung irgendwie nie so richtig geklappt habe. Freunde und Kollegen haben dann auch bereits ihren Senf dazu gegeben, aber das hat auch nicht wirklich geholfen.

Im Coaching präsentiere ich nicht die Lösung auf dem Silbertablett, sondern ein gutes Coaching ist aus meiner Sicht ein intensiver Prozess der Selbstreflexion, des sich bewusst machen bestimmter und oft in Gewohnheit übergegangener Denk- und Verhaltensweisen und – ganz wichtig – dem Treffen von Entscheidungen.

Dabei begleite ich als Verantwortlicher für den Coachingprozess, indem ich Fragen stelle, die vielleicht etwas ungewohnt erscheinen, jedoch neue Perspektiven und damit auch alternative Lösungswege beim Klienten ermöglichen. Ich hinterfrage kritisch Denkansätze, spiegele Verhalten und gebe Feedback, wo es sinnvoll und zielführend ist. Viele Klienten kommen auch zu mir, um mit einer neutralen Person über ihre Themen und Ideen zu sprechen. Und sicherlich auch, um von mir als ehemaliger Führungskraft und heute Selbständigem Tipps zu bekommen und an meinen Erfahrungen zu partizipieren. Meine Leistung ist für mich heute daher eine Mischung aus systemischem Coaching sowie meiner Funktion als Sparringspartner und Berater.

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Ute Blindert ist chronisch neugierig und liebt die Themen Karriere, Arbeitsmarkt und digitaler Wandel. Darüber spricht sie gern mit und vor Menschen. Wenn sie sportlich gut drauf ist, schwimmt sie an die 10 km in der Woche. Was ihr noch fehlt zum Glück: eine perfekte Rollwende.

  1. In einigen Punkten, gebe ich hier Herrn Dr. Skaghuis recht. Es kann tatsächlich sein, dass wir Frauen uns manchmal benachteiligter fühlen als wir sind. Vielleicht wird zu wenig davon berichtet, dass für Frauen auch etwas gut und nach ihren Wünschen entsprechend gelaufen ist, statt dass positive Fälle berichtete werden. Die führt natürlich schon im Vorfeld zu Selbstzweifeln, auch wenn es bestimmt die anderen Situatinen auch gibt.
    Ein anderer Punkt den ich noch gerne ansprechen möchte, wäre der Wunsch nach Teilzeitarbeit, nach einer kurzen Familienpause. Es gibt bestimmt Frauen, die danach mehr Zeit für die Familie haben möchten und deshalb keinen Vollzeitjob. Ich glaube aber, dass es Frauen gibt, die sehr gerne wieder voll arbeiten würden, weil sie das Familienleben nicht so erfüllt, wie es von Ihnen erwartet wird, aber ein schlechtes Gewissen haben das auch zu äußern. Gerade für Frauen gibt es wohl immer noch den moralischen Anspruch, dass alles was mit Familie zu tun hat vorgehen muss, sonst ist man keine gute Frau, Mutter etc. Der moralische Anspruch ist in meinen Augen hier höher als an einen Mann. Außerdem bekommt man das in der Familienzeit ja auch gebetsmühlenartig in vielen populären Medien so serviert. Da ist dann nicht nur die Zeit, die man mit den Kindern verbringt wichtig, sondern auch ob der Haushalt top ist, ob man sich genügend ehrenamtlich engagiert und letztlich auch noch die Verwandtschaft und den Freundeskreis bei Laune hält. Das zusammen ist dann das Bild von „guter und lieber“ Frau und Mutter, das wir in den Köpfen haben. Da hat natürlich ein Vollzeitjob keinen Platz. Bestimmt gibt es Frauen, die sich gerne damit identifizieren. Ich glaube aber dennoch, dass es Frauen gibt, die das gar nicht so toll finden, es aber nicht zu sagen wagen, bzw. auch zu wenig dafür kämpfen, dass die Familienarbeiten gerechter verteilt werden, auch mal auf den Prüfstand stellen, was wirklich notwendig ist und auch mal „nein“ sagen, wenn sie wieder zum tausendsten mal darum gebeten werden eine Kuchen für dieses oder jenes Fest zu backen. Denn wer es wagt einen gekauften Kuchen zu spendieren, die gilt, dann ja gleich als Rabenmutter. Hier sind aber nicht die Arbeitgeber schuld, sondern die Mitmütter. In meinen Augen spielt das immer noch dabei eine Rolle, wie Frauen an das Thema Karriere herangehen oder mit welchem Einsatz sie sich dafür engagieren. Ich denke hier sind es sogar wir Frauen selbst, die uns teilweise gegenseitig oder uns selbst blockieren.

  2. Liebe Business Ladys, Teile dieses Interviews haben mich verunsichert. Nein, Quatsch! :) Sie haben mich echt wütend gemacht. Und weil ich wütend immer am besten schreiben kann, hab ich das getan und eine Replik verfasst: „Frauen – zu blöd für die Karriere“ https://bueronymus.wordpress.com/2016/08/12/frauen-zu-bloed-fuer-die-karriere/ Cheers, Lydia

    • Liebe Lydia, danke für deine Replik! Ich denke auch gerade nach, wie ich zu manchen Aussagen stehe, sowohl von Dr. Slaghuis wie auch von dir;-) Mal schauen, ob ich in den nächsten Tagen zu einem Beitrag komme. Herzliche Grüße, Ute

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