Vizepräsidentin der EU-Kommission und EU-Justizkommissarin
Viviane Reding. Bild: Europaparlament
Viviane Reding. Bild: Europaparlament

Frau Reding, im vergangenen Jahr haben Sie die Kampagne „Frauen in die Aufsichtsräte“ gestartet – und es haben sich nur 24 Unternehmen beteiligt. Was steckt Ihrer Ansicht nach dahinter? Viviane Reding: Ich wollte den Unternehmen eine letzte Chance geben, ihre häufigen Bekenntnisse zu mehr Frauen in Führungspositionen auch in die Tat umzusetzen. Deshalb habe ich im März 2011 börsennotierte Unternehmen aufgefordert, die freiwillige Selbstverpflichtung für Europa „Mehr Frauen in Aufsichtsräten“ zu unterzeichnen. Ein Jahr später mussten wir in der Tat mit Enttäuschung feststellen, dass sich nur 24 Unternehmen beteiligt haben. Diese schwache Beteiligung zeigt, dass Selbstregulierung nicht den erwünschten Erfolg zu bringen scheint. Ich bin überzeugt, dass sich die heute vorherrschende Männerkultur zwar langsam, aber unwiderruflich ändern wird. Je mehr Frauen in Führungspositionen arbeiten, desto mehr Vorbilder gibt es für andere Frauen. Und die Wirtschaftsleistung von Unternehmen, die von gemischten Teams geführt werden, wird ohnehin für sich sprechen. Um diesen kulturellen Wandel zu erreichen, muss aber eine kritische Masse von Frauen in Aufsichtsräten vorhanden sein. Wir brauchen mehr als nur die eine Vorzeigefrau.
Was war der Anlass dafür, dass Sie sich jetzt für eine gesetzliche Frauenquote starkmachen?
Reding: Ich setze mich dafür ein, dass Unternehmen den Anteil von Frauen in ihren Aufsichtsräten erhöhen. Ob das über eine Quote geschehen soll, ist noch nicht entschieden. Das wird die Europäische Kommission vor Ende des Jahres entscheiden. Fakt ist: 60 Prozent der Hochschulabsolventen sind Frauen, und diese Frauen haben sich in den meisten Fällen viele Jahre im mittleren Management der Unternehmen bewährt. Da macht es doch schon allein wirtschaftlich gesehen Sinn, diese Talente zu nutzen und diesen Frauen die Chance zu geben, ganz oben mit zu entscheiden. Dass das noch nicht geschehen ist, liegt sicherlich nicht an mangelnden Qualifikationen der Frauen. Wir müssen daher endlich die gläserne Decke in den Unternehmen durchbrechen.

Inwiefern lassen sich die langjährigen Erfahrungen mit einer Frauenquote in politischen Parteien auf die Wirtschaft übertragen?  Wir brauchen keine Studien, um zu belegen, dass Frauen in der Politik auch gut für die Wirtschaft sind. Schauen Sie sich Frau Merkel an, oder Dänemarks Premierministerin Helle Thorning-Schmidt – gut, dass es solche starke Frauen gibt, die der lebende Beweis dafür sind, dass Frauen an der Spitze einen super Job machen können. Ich will jedoch klarstellen, dass Frauenquoten in der Politik eine rein nationale Kompetenz sind. Die Europäische Kommission hat weder die Kompetenz, noch die Absicht in die nationalen Parteisysteme einzugreifen. Das ist Sache der nationalen Politik.

Norwegen arbeitet bereits mit einer Quote – und schon gibt es den Begriff „Goldröckchen“, weil dort wenige Frauen viele Aufsichtsratsposten einnehmen. Müsste eine EU-weite Quote vorbeugende Maßnahmen gegen eine solche Entwicklung ergreifen? Soweit ich die norwegische Entwicklung beobachtet habe, gibt es dort deutlich mehr „Goldhosen“ als Goldröcke, wie auch in anderen europäischen Ländern. Die Erfahrungen, die Norwegen mit der Quote gemacht hat, sind überwiegend positiv. 80 Prozent der männlichen Aufsichtsratsmitglieder in Norwegen sind gemäß einer Umfrage des Instituts für Gesellschaftsforschung in Oslo der Meinung, dass die Quote zu Verbesserungen oder zumindest zu keiner Veränderung in der Arbeit geführt hat. Die Verbesserungen bestehen nach Auskunft der männlichen Mitglieder vor allem in der Erweiterung des Horizonts des gesamten Aufsichtsrates sowie in der Ergänzung der Qualifikationen der Mitglieder. Die Quote ist im Laufe der Zeit ein akzeptierter Bestandteil der norwegischen Gesellschaft geworden. Ein Frauenanteil von 40 Prozent in den Aufsichtsräten der börsennotierten Unternehmen in der EU bis zum Jahr 2020 ist ein realistisches Ziel. Damit hätten die Unternehmen acht Jahre Zeit, sich darauf einzustellen und die nötigen Vorbereitungen zu treffen.

Was bedeutet es für den Wettbewerb in der EU, wenn einzelne Mitgliedsstaaten eine Frauenquote einführen? Elf EU-Länder haben bereits Frauenquoten eingeführt: Belgien, Frankreich, Italien, die Niederlanden, Spanien, Portugal, Dänemark, Finnland, Griechenland, Österreich und Slowenien. Die anderen Mitgliedstaaten (noch) nicht. Das ist ein Flickenteppich an Regelungen, der zu einem ernsthaften Wettbewerbshindernis für Unternehmen im europäischen Binnenmarkt werden kann. Ein Beispiel: Wenn sich ein deutsches Unternehmen für eine öffentliche Ausschreibung in Spanien bewerben will, dann hat das nur Aussicht auf Erfolg, wenn es die spanische Frauenquote erfüllt. Wir brauchen einen klaren EU-Rechtsrahmen, damit der Wettbewerb im Binnenmarkt nicht verzerrt wird. Aber es gibt noch ein anderes Problem: Wenn deutsche Unternehmen freiwillig auf die besten Köpfe verzichten, wird sich das natürlich auch auf ihre Wettbewerbsfähigkeit auswirken. Schon jetzt klagen ja viele Branchen in Deutschland über Fachkräftemangel, und der wird sich angesichts der alternden Bevölkerung kaum von selbst lösen. Die einzige erfolgversprechende Lösung ist es, das Potential der Frauen besser zu nutzen.

Die deutsche Familienministerin Kristina Schröder ist gegen eine gesetzliche Frauenquote. Wo liegt sie in ihrer Argumentation Ihrer Ansicht nach falsch? Gerade das Beispiel Deutschlands zeigt doch, dass freiwillige Selbstverpflichtungen nicht funktionieren. Ich möchte hier an die Selbstverpflichtung vom Jahre 2001 erinnern. Als Ende 2010 Bilanz gezogen wurde, war der Anteil von Frauen in Aufsichtsräten gerade mal um 2 Prozent angestiegen. Heute sind gerade einmal 15,6 Prozent der deutschen Aufsichtsräte und 2,9 Prozent der Vorstandsvorsitzenden in Deutschland weiblich. Das bringt uns nicht weiter. Wir brauchen mehr Frauen in den Führungsetagen der Wirtschaft, und wenn das auf freiwilliger Basis nicht funktioniert, dann müssen wir eben nach anderen Alternativen schauen. In Deutschland registriere ich übrigens ein starkes Bündnis von Politikerinnen und Journalistinnen, die das Thema vorantreiben. Wenn das so weiter geht, kommt die deutsche Frauenquote schneller als die europäische. Ich würde Deutschland dazu beglückwünschen!

Wenn ein Unternehmen eine Frau in den Vorstand oder Aufsichtsrat holt, geschieht das derzeit meist mit großem öffentlichen Aufsehen – und so fällt auch besonders auf, wie viele dieser Frauen schnell wieder entlassen werden, zum Beispiel in Deutschland Angelika Dammann und Anastassia Lauterbach. Fehlen Frauen vielleicht doch noch wichtige Fähigkeiten für den Job? Im Moment haben wir ja eine faktische Männerquote von 86 Prozent in Europas Aufsichtsräten, deshalb sind Frauen in Führungspositionen noch Exotinnen. Auf diese wenigen Frauen, die es bis ganz nach oben geschafft haben, konzentriert sich das Medieninteresse. Und es ist auch gut so, denn wir brauchen starke Vorbilder. Wir brauchen aber auch mehr als nur die eine Vorzeigefrau an der Spitze. Die qualifizierten Frauen gibt es – entgegen so mancher Argumente, die ich manchmal von Unternehmen höre. Über 60 Prozent der Hochschulabsolventen in Europa sind weiblich. Die Europäischen Wirtschaftshochschulen haben eine Liste mit 7000 Namen hochqualifizierter Frauen zusammengestellt, die nach strengen Kriterien von der Privatwirtschaft ausgesucht wurden und alle Voraussetzungen erfüllen, um sofort in Führungsgremien zu sitzen. Die Frauen sind also da – die Unternehmen müssen sie aber auch einstellen und fördern. Es gibt gute Männer und gute Frauen, Männer mit Stärken, Frauen mit Schwächen, und umgekehrt. Vielleicht können Frauen im Durchschnitt etwas besser zuhören als Männer. Aber ich bin sicher, dass sich auch das ändern wird, wenn in den Aufsichtsräten zur Abwechslung mal die Männer einer Frau zuhören müssen.

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