Gründerinnen, Köpfe
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Kleiderkreisel: Der Studentinnen neue Kleider

Wie wollen wir leben? Immer höher, weiter, schneller? Oder wollen wir mit unserem Tun die Welt ein bisschen besser und lebenswerter machen? Auf solchen Fragen gründen Unternehmen. Eine Idee: Man könnte doch etwa abgelegte Kleider mit anderen tauschen. Die Kleiderkreisel-Gründerinnen sorgen dafür, dass das reibungslos klappt – neben ihrem Studium.

Susanne Richter wirkt gar nicht wie eine Kommandantin. Unser Treffen findet an der Kölner Universität statt. Wir sind am Philosophikum verabredet, einem Betonbunker aus den 60er Jahren. Dieser wird gerade renoviert: Überall sind Trennwände aus Spanplatten und Plastikfolie eingezogen, es ist laut, und auf den orangen Plastiksitzen liegt eine feine Staubschicht. Darauf setzt sich Susanne Richter an diesem Tag in einem Sommerkleid mit bunten Reißverschlüssen und stellt eine gemusterte Stofftasche ab. Zwei Tage ist es erst her, dass sie eine wichtige Prüfung in ihrem Fach Sonderpädagogik geschrieben hat. Als nächstes steht die Abschlussarbeit an.

Zeit hat die 25-Jährige nicht besonders viel, denn neben ihrem Studium führt sie ein Unternehmen. Sie leitet als eine von drei Geschäftsführerinnen Kleiderkreisel, eine Online-Plattform, auf der Kleidung, Schmuck und Schuhe verschenkt, verkauft oder getauscht werden können.
Dahinter steckt die Idee der Collaborative Consumption (auf Deutsch etwa: gemeinschaftlicher Verbrauch): „Wenn ich ein Loch bohren muss, dann brauche ich ja nicht unbedingt selbst eine Bohrmaschine zu besitzen, sondern kann mir diese ja auch von jemandem ausleihen“, erklärt Susanne das Prinzip. Zum Team von Kleiderkreisel gehören außer ihr Martin Huber und Sophie U., die mittlerweile ganztägig im Unternehmen arbeiten.

Einmal ihre eigenen Chefinnen zu sein war gar nicht das Ziel von Susanne und Sophie, als sie 2008 mit Kleiderkreisel starteten. Weil eine Tauschplattform ja nur dann sinnvoll ist, wenn es möglichst viele Nutzerinnen und Stücke zum Tauschen gibt, baten die beiden zunächst ihre Freundinnen, sich anzumelden. „Dann half uns die Mund-Propaganda“, erzählt Susanne. Vor allem Mode-Bloggerinnen spielten eine wichtige Rolle: Als die ersten begannen, ihre Klamotten nicht mehr über ihre eigenen Blogs zu verkaufen, sondern auf kleiderkreisel.de anboten, stiegen die Nutzerzahlen rasant.

Mittlerweile nutzen mehr als 270.000 Modefreundinnen den Service – mit mehr als einer Million Produkten, von kleinen Ohrringen bis zu teuren Marken-Handtaschen. Dabei ist das Einstellen, Tauschen und Verkaufen für die Nutzerinnen gratis. „Unser Geld verdienen wir mit Werbung“, erklärt Sophie. „Am Anfang war das sehr wenig. Mittlerweile arbeiten wir mit einer Agentur zusammen, die nach potenziellen Kunden für uns sucht“, so Susanne.

Konsens im Kommando

Susanne ist im „Kommando“, wie sich die drei Geschäftsführerinnen nennen, zuständig für das Forum und den Austausch mit den Nutzerinnen. Sophie, die an der Ludwig-Maximilians-Universität in München Statistik studierte und später beim Rundfunk arbeitete, kümmert sich um die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit. Martin, der bereits längere Zeit in verschiedenen Unternehmen Berufserfahrung sammeln konnte, verantwortet Marketing und Vertrieb. Von Anfang an war es dem „Kommando“ wichtig, dass alle Entscheidungen im Konsens getroffen werden. „Die Vorstellung, dass bei einer Entscheidung zwei von uns die andere überstimmen könnten, hat uns überhaupt nicht gefallen“, erklärt Susanne Richter. Jetzt wird eben so lange diskutiert, bis alle einverstanden sind. „Das geht gut“, betont sie, „es kann natürlich auch daran liegen, dass wir uns schon so lange kennen.“

Dagegen war es nicht leicht, sich beim Start von Kleiderkreisel ins Unternehmerinnendasein einzufinden. Von Kommando keine Spur, stattdessen viel Arbeit und kaum Verdienst. „Manchmal haben wir uns 50 Euro ausgezahlt“, berichtet Susanne und schmunzelt. Und das alles neben dem Studium und den Jobs, die das Studium vorher schon mitfinanzierten. Irgendwann kam die angehende Sonderpädagogin an den Punkt, an dem sie nicht mehr weiter wusste: „Ich wollte alles hinschmeißen und aufhören.“ Doch das ließen ihre Mitgründerinnen nicht zu. „Martin und Sophie haben mich wieder aufgebaut, so dass ich dann auch wieder Lust daran bekam.“

Eine gute Entscheidung, denn Kleiderkreisel wächst und wächst – ohne dass Geldgeber mit einem dicken Polster dahinterstehen würden. Gerade baut das Team einen Blog auf. Den werden sie weder selbst voll schreiben noch jemanden dafür einstellen, sondern sie geben jeder Nutzerin die Chance, sich zu bewerben. Die Community wählt dann ihre Favoriten, die später für den Blog schreiben werden.

Unternehmerinnen per Zufall

Ob Susanne und Sophie auch ohne Kleiderkreisel Unternehmerinnen geworden wären? Das können beide nicht sagen. Denn die Idee zu dem Portal kam durch einen Zufall zu ihnen. 2008 waren sie mit dem Rucksack in Osteuropa unterwegs – per Couchsurfing. In Vilnius landeten sie schließlich bei Justas Janauskas, einem Informatiker, der gerade an einer neuen Idee für eine Kleidertausch-Plattform arbeitete. „Eine Nacht auf der Couch voller Gespräche und für uns war klar: Das möchten wir in Deutschland umsetzen – obwohl wir von Unternehmensgründung, Buchhaltung und Internetrecht keine Ahnung hatten. Ungefähr ein Jahr später klingelte unser Telefon und Justas fragte uns, ob wir das Konzept nach Deutschland holen wollen“, erinnert sich Sophie. So wurde aus manodrabuziai.lt das deutsche Pendant kleiderkreisel.de und aus dem komanda (litauisch für Team) das Kommando.

Im nächsten Sommer wird das Philosophikum vielleicht fertig renoviert sein. Susanne will dann fertig mit ihrem Studium sein. Doch als Sonderpädagogin arbeiten will sie dann erst einmal nicht. Sie wird nach München gehen – und Kleider kreiseln lassen.

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