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Katja Bartholmess: „Ich bin gut in Teams – die ich leite.“

Katja Bartholmess. Bild: Petrina Engelke

Katja Bartholmess. Bild: Petrina Engelke

Über Nacht prangen neue Graffiti an der Wand, wachsen abgefahrene Ladenfassaden, eröffnen neue Restaurants – in Bushwick, Brooklyn, New York verändert sich alles, und genau da fühlt sich Katja Bartholmess zu Hause. Sie selbst entwickelt ihre Karriere schließlich auch ständig weiter und gründet dabei immer mal ein neues Unternehmen. Im Interview erzählt sie, warum dazu keine übermenschlichen Kräfte gehören, wieso Perfektionismus nichts taugt und was ihre Mutter eigentlich dazu sagte, als das Kind sich nach der Uni nicht einmal um einen regulären Job bemühte.

Frau Bartholmess, in Artikeln über Sie kommt ein Wort immer wieder vor: Serien-Entrepreneur. Was ist das?

Katja Bartholmess: Direkt nach der Uni habe ich mich selbständig gemacht mit Werbetexten und strategischer Kommunikation. Dann zog ich nach New York und machte dort ein neues Business auf, dann noch mal schnell ein E-Commerce-Geschäft namens Babysnappy, dann wieder etwas anderes, und jetzt bin ich gerade dabei, ein Start-Up zwischen Technik und Beauty aufzubauen. Mich leitet die Frage: Ist das, was ich mache, auch das, was ich machen möchte und wo ich am meisten bewege? Deshalb schmeiße ich immer mal etwas um und beginne etwas Neues.

Haben Sie Schwierigkeiten damit, mal bei einer Sache dabei zu bleiben? 

Ich kann an einer Sache dranbleiben, aber sie muss mir eben auch etwas bieten. Es muss spannend für mich bleiben, es muss eine Herausforderung für mich sein. Wenn der Moment kommt, bei dem andere Unternehmer sagen: „Hey, großartig, das läuft ja jetzt richtig prima“, und sich etwas zurücklehnen und ein bisschen so weitermachen, ist das für mich oft der Zeitpunkt, wo ich sage: Okay – und jetzt? Meine Biografie spricht vielleicht gegen Konsistenz, aber es zieht sich auch etwas hindurch: Ich möchte Verbindungen herstellen zwischen Ideen und Menschen.

Einer alten Unternehmerweisheit zufolge löst ein gutes Produkt ein Problem. Wie finden Sie erst einmal ein lukratives Problem? 

Das kommt aus einem natürlichen Bedürfnis, es ist eine Lebenseinstellung. Ich löse eigentlich die ganze Zeit Probleme.

Bild: Petrina Engelke

Katja Bartholmess – Powerfrau und Serien-Entrepreneurin. Bild: Petrina Engelke

Sagen Sie mal ein Beispiel. 

Ein gutes Beispiel ist mein aktuelles Start-Up. Nach einer Notoperation beim Zahnarzt blieb ich eine Woche lang mit geschwollenem Gesicht zu Hause. Ich konnte mir nicht mal die Haare waschen, weil ich meinen Kopf kaum bewegen konnte. Ich habe mir jeden Tag online bei GrubHub und Seamless Essen ins Haus bestellt. Nach zwei, drei Tagen dachte ich: Warum kommt keiner und macht mir mal die Haare, die Nägel, damit ich mich ein bisschen besser fühle? Das war die Geburtsstunde: Ich wollte einen digitalen Weg bahnen, der mich mit den Schönheitssalons aus der Gegend verbindet, die mir ihre Dienstleistungen bringen. Mit einer anderen Geschäftsidee war es ähnlich. Babys wachsen ja schnell aus Kleidern heraus. Ich hatte gerade zwei Patenkinder bekommen, denen ich etwas schenken wollte, das mitwächst. Das gab es aber nicht so recht. Da habe ich mir ein mitwachsendes Babykleider-System ausgedacht mit Druckknöpfen und Verzierungen zum Anklippen. Das Ding ist: Die Idee allein reicht nicht. Selbst wenn ich mir den Kindle ausgedacht habe, das bringt alles nichts, solange ich nicht die Schritte gehe, um das zu realisieren. Dazu braucht man Selbstvertrauen und muss auch Vertrauen in eine Zukunft haben, um sich zu sagen: Okay, es ist es wirklich wert, das zu verfolgen.

Dazu brauchen Sie dann aber auch Geld. 

Ja, mit Gimme Gorgeous bin ich gerade in einer Investorenrunde. Ich hatte bereits einen Soft Launch, mit dem ich die Fahne in den Boden stecken wollte: Das ist jetzt meins. Und ich wollte mir beweisen, dass die Leute das wollen. Nicht nur, damit ich es den Investoren beweisen kann, sondern auch, damit ich selbst sehe, dass es keine Zeitverschwendung ist. Zwei Monate nach dem Heureka-Moment bekam ich zudem von einer Mentorin ein kleines Seed-Investment. Das hat mir auf der einen Seite auf praktische Weise sehr geholfen, auf der anderen Seite war es ein klarer psychologischer Anschub: Da nimmt jemand einen kleinen fünfstelligen Betrag in die Hand, wohl wissend, dass ich jeden Cent davon in den Sand setzen könnte, aber vertraut mir, dass ich daraus etwas machen werde. Das war ganz, ganz wichtig, um mich voranzutreiben.

Was ist ein typisches Klischee über von Frauen gegründete Start-Ups? 

Es gibt im Tech-Bereich glaube ich fünf Prozent Frauen, die ein Investment von Silicon Valley-Geld haben. Damit habe ich eigentlich doch jetzt schon alles gesagt (lacht). Ich meine, fünf Prozent! Ich bin für die ein Einhorn. Aber das sagt mir keiner ins Gesicht. Ich denke, dass es unterschwellig eine Rolle spielt. Wer sich dagegen entscheidet, in Gimme Gorgeous zu investieren, wird zehn andere Gründe nennen, warum er das nicht macht. Auch wenn der Hauptgrund eigentlich war, dass ich eine Frau bin.



Was fehlt Frauen noch am ehesten: ein dickes Fell oder eine große Klappe? 

Kann ich auch Kinderbetreuung sagen? Ich finde es furchtbar, dass da so wenig passiert, vor allem hier in den USA. Dickes Fell oder große Klappe … Ein dickes Fell habe ich ja zum Beispiel schon mal überhaupt nicht. Eine große Klappe dagegen schon. Das spräche jetzt für die große Klappe. Wichtig ist meiner Ansicht nach, dass wir Frauen aufhören müssen, so wenig wie möglich angsteinflößend zu sein. Die Tendenz, sich ein bisschen kleiner zu machen, erkenne ich nicht ohne Scham an mir selbst. Ich habe immer solches Mitleid mit Männern, da denke ich: „Ach Mensch, du armer Mann, dann versuche ich jetzt mal nicht ganz so alpha zu sein, wo du doch so beta bist.“ Ich bin ein äußerst wenig harmoniebedürftiger Mensch, ich liebe Streit. Und trotzdem erwische ich mich dabei. Große Klappe und dickes Fell schaden nicht, aber dieses Gefühl, dass wir es jemandem rechtmachen, dass wir gefallen wollen, und dass wir nicht zu angsteinflößend wirken wollen, das steht uns am allermeisten im Weg.

Was bringt Sie denn voran? 

Lustigerweise war es eigentlich immer das Vertrauen von anderen Leuten, das mich vorangetrieben hat. Ich habe mich ja damals frisch von von der Uni hinweg selbständig gemacht. Vorher war ich schon als Werbetexterin von einer Kommunikationsagentur in Berlin entdeckt worden, aber ich hatte echt wenig Erfahrung, kaum etwas, was ich vorzeigen konnte, und gar keine Kunden. Aber ich hatte das gesunde Selbstbewusstsein, dass ich das supergut kann. Am Anfang dachte ich ja, ich bin Werbetexterin. Aber ich bin unheimlich strategisch, ich kann gut sehen, wo es hingehen kann und was gemacht werden muss, um dahin zu kommen. Oft haben mich Kunden für irgendwas engagiert und dann sehr schnell mein Potenzial erkannt und mich ganz Anderes machen lassen.

Wie haben diese Kunden das bemerkt? 

Ich habe denen immer gesagt: Ihr solltet das so und so machen, das wäre eine gute Idee, und das ist nicht gut, das müsst ihr anders machen. Ich bin da nicht schüchtern. Und ich war immer ehrlich. Bei einem Kunden habe ich etwa gesagt: „Ich finde, ihr habt ein tolles Produkt, aber ihr sprecht den falschen Kunden an, ihr braucht eine komplette Neupositionierung. Und die gute Nachricht ist: Ich habe das noch nie gemacht.“ (lacht)

Und was haben die Kunden gesagt? 

Sie sagten: Okay, dann machen wir das. Und das hat gut geklappt. Ich habe auch einmal eine Rede für den damals amtierenden Bundestagspräsidenten geschrieben. Das war die erste Rede, die ich geschrieben habe. Ich hatte den Pressechef des Bundestags bei einer Party in Berlin kennen gelernt, wir haben uns bei Rotwein über Freiheit und Demokratie unterhalten, und danach sagte er: Wir machen mal was zusammen. Eine Woche später stand ich am Metalldetektor des Bundestags. Ich bin sehr offen für Chancen, die sich mir in den Weg stellen. Ich will nicht sagen, dass ich keine Angst habe. Aber ich habe mehr Angst, etwas zu verpassen. Diese Angst ist viel größer.

Und wenn die dann wirklich anrufen und sagen: Schreiben Sie doch mal eine Rede? 

Da habe ich erst mal geweint. Wirklich.

Vor Schreck? 

Da hatte ich den Auftrag schon. Aber da dachte ich: Ich hab das doch noch nie gemacht, ich kann auf gar keinen Fall jetzt eine Rede für den Bundestagspräsidenten schreiben.

Und dann? 

Dann habe ich es gemacht und dann …

Moment: Zwischen Weinen und „dann habe ich es gemacht“, was passiert da? 

Da passiert nicht so viel, ich habe es einfach gemacht (lacht). Ich glaube, das ist der Punkt: Ich mache einfach. Und ich mache auch Fehler. Aber ich mache oft so schnell, da kann ich mir gar nicht so viele Sorgen machen, was alles schiefgehen kann (lacht).

Sie kennen sich selbst sehr gut. Wie wichtig ist das bei anderen, hilft Menschenkenntnis?

Menschenkenntnis schadet nie. Du brauchst auch ein bisschen Liebe zu Menschen und Begeisterungsfähigkeit, weil du als Unternehmerin immer Leute auf deine Seite bringen musst. Und man darf kein Perfektionist sein. Perfektionismus und Unternehmertum gehen nicht so gut zusammen. Perfektionismus ist ja eigentlich nur nicht-zu-Potte-Kommen. Man muss bewusst mal etwas Unfertiges in die Welt freilassen, um ein Feedback zu bekommen. Dazu gehört ein Stück Selbstbewusstsein, man muss den Mut haben, zu sagen: Ich habe alles gegeben, das ist jetzt fertig. Auch auf das Risiko hin, dass andere es total scheiße finden.

Das klingt echt mutig. 

Aus so etwas höre ich fast ein bisschen zu viel Respekt. Als wären die Sachen, die ich mache, nur möglich, weil ich fast unmenschlich mutig bin oder fast unmenschlich dies oder jenes. Das stimmt aber nicht. Ich koche mit kaltem, klarem Wasser. Ich versuche nur, das zu machen, was ich machen möchte, und mich nicht davon beeinträchtigen zu lassen, wie man das eigentlich macht.

Was hat denn Ihre Mutter gesagt, als Sie sich nach der Uni keinen regulären Job gesucht haben?

Das war echt ein bisschen anstrengend. Meine Mutter war ja eigentlich schon viel von mir gewohnt, nachdem ich nacheinander nach London, Südafrika und Tokio gezogen war. Aber dass ich mich selbständig mache, ohne es überhaupt mit einer traditionellen Anstellung zu versuchen, brachte Fragen wie: Katja, wie viele Stunden am Tag arbeitest du denn? Willst du nicht doch irgendwann einen richtigen Beruf haben? Meine Mutter war Bauplanerin, ich bin damit aufgewachsen, dass in unserem Wohnzimmer Rollen mit Projekt-Blättern herumflatterten, sie hat immer an ihrer Karriere gearbeitet. Erschwerend kommt hinzu: Wir sind ostdeutsch (lacht), da gab es ein Konzept wie die Unternehmensgründung ja gar nicht. Aber die Fragen hörten auf, sobald mein Geschäft lief. Ich hatte mir selber ein halbes Jahr gegeben, danach musste es mich tragen. Das passierte aber schon früher, auf bescheidene Art und Weise jedenfalls.

Kann das jede schaffen oder ist das eine Persönlichkeitsfrage? 

Völlig unabhängig ob Mann oder Frau: Ich glaube nicht, dass das jeder kann. Genauso wie es nicht jedem gegeben ist, in einer traditionellen Unternehmensstruktur Karriere zu machen. Mir zum Beispiel nicht: Ich bin gut in Teams – die ich leite (lacht). Dabei spielt eine Rolle: Wie risikofreudig bist du? Wie entspannt bist du mit 8.000 Euro in den Nassen? Es ist wichtig, zu erkennen, wer man ist und was man braucht, und zwar ohne Wertung. Selbstbewusstsein ist für mich nicht, sich total toll zu finden, sondern sich zu kennen, sich bewusst zu sein, was einen kickt, was einen hemmt, was einen treibt, was einen wahnsinnig macht, und dann etwas finden, das darauf passt. Ich etwa bin unheimlich gut darin, Dinge loszutreten und in Bewegung zu setzen. Aus dem Nichts. Und was ich bisher gemacht habe, passierte nur, weil ich nicht anders konnte, weil es so ein Drang für mich war. Mehr ist es nicht. Ich bin nicht toller als andere. Ich habe einfach versucht, das alles so zu machen, wie es für mich funktioniert.

Zur Person

Katja Bartholmess hatte noch nie in ihrer Laufbahn einen Chef oder eine Chefin. Derzeit entwickelt sie eine Beauty-Service-App: Das 2013 gegründete Gimme Gorgeous ist ihr fünftes Unternehmen. Während ihres Studiums wechselte Bartholmess zunächst oft den Ort – und lebte in London, Pretoria, Tokio und New York. Nach ihrem Abschluss in Europäischer Ethnologie und Anglistik/Amerikanistik machte sie sich 2004 als Werbetexterin selbständig. Knapp fünf Jahre später hatte sie sich auf Marken- und Kommunikationsstrategie verlegt und eine neue Firma in New York gegründet. Mit Babysnappy kam ein Online-Geschäft mit von ihr entwickelter Babykleidung hinzu, das sie später wieder einstellte. 2011 gründete sie eine Agentur für strategische Beratung für die Kosmetikindustrie, dann folgte Gimme Gorgeous. Bartholmess lebt mit ihrem Ehemann und zwei Katzen in Brooklyn.

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