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„Karrieresüchtig, machtbesessen, einsam?“ – Antonia Roeller über Frauenfiguren in Filmen

Für ihren Beruf als Dramaturgin beschäftigt sich Antonia Roeller mit Filmfiguren. Frauen liegen ihr dabei besonders am Herzen. Kein Wunder also, dass sie sich mal ausführlich mit dem Thema beschäftigt hat. Was sie in ihrem eEssay „Karrieresüchtig, machtbesessen, einsam? Die Darstellung weiblicher Führungskräfte in Film und Fernsehen“ herausgefunden hat, erzählt sie im Interview.

Was genau hast du in deinem eEssay untersucht?

In meinem Essay habe ich die Darstellung weiblicher Führungskräfte in Film und Fernsehen im Hinblick auf ihr Verhältnis zu Macht und Moral, ihren Führungsstil und ihre Funktion als Mentorin und auf die Auswirkungen des beruflichen Erfolgs auf das Privatleben untersucht.

„Der Teufel trägt Prada“ und „Borgen“ versus „Die Waffen der Frauen“

Dabei habe ich aktuelle Beispiele wie zum Beispiel „Der Teufel trägt Prada“ und „Borgen“ mit einem Film aus den 80ern „Die Waffen der Frauen“ verglichen. Ich wollte herausfinden, ob zeitgenössische Produktionen immer noch alten Stereotypen verhaftet sind oder die gegenwärtige Situation von weiblichen Führungskräften widerspiegeln.

Darüber hinaus habe ich mir angesehen, wie die angeführten Beispiele in den Medien aufgenommen wurden und ob die Zuschauerinnen etwas von den Figuren lernen können, um ihre eigenen Karriereziele zu verfolgen.

Konnten Sie denn eine Entwicklung feststellen? Hat sich etwas am Bild weiblicher Führungskräfte in Film und Fernsehen geändert?

Der herausragendste Unterschied ist wohl in der Mentorenrolle der weiblichen Chefs zu finden. Während sich im älteren Beispiel „Die Waffen der Frauen“ zwei Frauen bekriegen, um sich in der männerdominierten Geschäftswelt durchzusetzen, setzen die neueren Chefinnen eher auf Solidarität und versuchen, ihren weiblichen Angestellten wichtige Lektionen zu vermitteln, die sie auf ihrem Karriereweg voranbringen werden.

So stellt Miranda aus „Der Teufel trägt Prada“ hohe Anforderungen an ihre neue Assistentin Andy, die diese häufig als bloße Schikane empfindet, die Andy aber ultimativ auf Aufgaben mit größerer Verantwortung vorbereiten.

Ein ebenfalls wichtiger Punkt, der sich verändert hat, ist das Verhältnis zu Macht und Moral. Weibliche Vorgesetzte in Film und Fernsehen dürfen heute auch moralisch fragwürdige Entscheidungen treffen, um ihr berufliches Ziel zu erlangen, ohne dafür gleich an den Pranger gestellt zu werden. Ein hervorragendes Beispiel dafür ist Patty aus der US-Anwaltsserie „Damages“, die das Spiel der Manipulation geradezu perfekt beherrscht und einsetzt, um ihren Fälle zu gewinnen. Dabei ist die Figur so angelegt, dass wir ihre Vorgehensweise zwar nicht immer gutheißen, sie jedoch dafür bewundern. Das Ergebnis ist eine faszinierende weibliche Serienheldin, die uns in ihrer Komplexität umso besser unterhält.

Auf welche Faktoren führst du das zurück?

Zum einen sind karriereorientierte Frauen ja heute kein Einzelfall mehr. Die Gesellschaft hat sich in den letzten Jahrzehnten in diesem Punkt sehr stark verändert. Noch bis in die 70iger Jahre durften Ehefrauen in Deutschland nur mit dem Einverständnis ihrer Ehemänner einer Berufstätigkeit nachgehen. Heute erscheint uns so etwas unvorstellbar!

Heute werden junge Frauen ermutigt, ihre beruflichen Ziele aktiv zu verfolgen. Doch leider ist es noch immer so, dass eine gläserne Decke für viele Frauen den Weg in die Führungsetage versperrt. Daher ist es absolut notwendig, dass Frauen Netzwerke bilden und als Mentorinnen agieren. Und Film und Fernsehen verdeutlichen dies sehr.

Was das Moralverständnis angeht, so hat sich die Gesellschaft ebenfalls weiterentwickelt und damit auch unsere Akzeptanz von Frauenfiguren, die nicht das nette fürsorgliche Weibchen verkörpern. Man sagt Frauen ja gerne nach, dass sie immer gemocht werden und es allen recht machen wollen. Vielleicht kommt daher die aktuelle Faszination an Frauenfiguren, die auch mal unanständig agieren und deshalb nicht gleich ein schlechtes Gewissen haben…

Kann denn der Film unsere Sicht auf Gleichberechtigung
und -behandlung ändern?

Sicherlich können Film und Fernsehen zu einer breiteren Akzeptanz von weiblichen Vorgesetzten beitragen, denn die Unterhaltungsmedien spiegeln ja nicht nur die aktuelle Gesellschaft wieder, sondern helfen auch, soziale Entwicklungen voranzutreiben. Der Film „Die Waffen der Frauen“ stammt aus den 80igern, einer Zeit in der zum ersten Mal vermehrt Frauen mit Karriereambitionen auf der Leinwand erschienen. Heute sehen wir dies als selbstverständlich an. Es hat sich also einiges getan. Doch auch heutzutage ist es wichtig, weibliche Vorgesetzte facettenreich darzustellen, um Vorurteile abzubauen, die ja nach wie vor existieren.

Das Privatleben der weiblichen Führungskräfte ist ein weiterer Punkt, in dem noch viel Verbesserungsbedarf herrscht. So gibt es kaum beruflich erfolgreiche Frauen in Film und Fernsehen, deren persönliche Beziehungen nicht in irgendeiner Weise negativ davon betroffen sind. Es herrscht anscheinend noch immer die Annahme, dass frau nicht beides haben kann. Hier fehlen positive Vorbilder, wie Frauen der Spagat zwischen Karriere und Privatleben gelingen kann.

Haben Sie Beispiele für besonders gute bzw. schlechte Umsetzung?

Ein gängiges Filmklischee ist es, eine machtvolle Frau als Bedrohung der männlichen Existenz anzusehen. Ein Beispiel hierfür ist der Film „Enthüllung“ mit Demi Moore und Michael Douglas, indem eine Vorgesetzte ihren Angestellten fälschlicherweise der sexuellen Belästigung bezichtigt, nur weil dieser zuvor ihre Annäherungsversuche zurückgewiesen hat. Hier wird eine beruflich kompetente Frau gezeigt, die ihre Machtposition ausnutzt, um den Mann zu zerstören, der sie in romantischer Hinsicht nicht begehrt. So etwas nährt natürlich das Vorurteil, dass Frauen Persönliches stets über ihre Karriere stellen und entbehrt jeder Vorbildfunktion.

Wie viel positiver wirkt dagegen Birgitte aus der dänischen Serie „Borgen“, die durchaus viel Wert auf ihr Äußeres legt, gerne flirtet und in ihrem Amt als Premierministerin von vielen Männern umgeben ist, diesen aber jederzeit souverän und mit Respekt entgegentritt. Ihre Weiblichkeit ist jederzeit präsent, wirkt jedoch nie bedrohlich.

Gibt es länderspezifische Unterschiede, sind die Skandinavier weiter als wir Deutschen?

Tatsächlich erscheinen Frauenfiguren in skandinavischen Produktionen weniger klischeebelastet. Das deutsche Fernsehen setzt leider immer noch sehr auf die üblichen Schnulzen, in denen frau sich zwar auch geschäftlich durchschlagen muss, aber letztendlich doch am Ende immer auf der Suche nach der großen Liebe ist. Es scheint nahezu unvorstellbar, dass die Heldin am Schluß Single und gar glücklich damit ist. In skandinavischen Serien wie „Borgen“ oder „Kommissarin Lund“ führen die Protagonistinnen ebenfalls Beziehungen, aber man hat nie das Gefühl, dass sie nicht ohne einen Mann an ihrer Seite zurechtkämen.
Skandinavische Produktionen erhalten ohnehin international gerade sehr viel Aufmerksamkeit. Also müssen sie ja etwas richtig machen und ich denke, daher lohnt sich für uns, auch in Hinblick auf die Figurenentwicklung, einen Blick nach Norden zu werfen.

Zur Person:

Geboren in der Nähe von Saarbrücken, studierte Antonia Roeller dort zunächst Wirtschaftswissenschaften. Doch ein mehrwöchiger Aufenthalt in den USA veranlasste sie, ihrem Leben eine neue Richtung zu geben und ihre Leidenschaft für Film in berufliche Bahnen zu lenken. So absolvierte sie ein Drehbuch- und Regiestudium an der UCLA in Los Angeles, wo sie nebenbei auch als Lektorin für Produktionsfirmen und bei der Organisation des AFI Filmfests tätig war.
Seit ihrem Umzug nach Berlin arbeitete sie in verschiedenen Bereichen des Filmgeschäfts mit einem Fokus auf Dramaturgie & Drehbuchübersetzungen.
Anfang 2014 entwickelte sie das Seminar „Starke Frauen – starker Film. Die Erschaffung komplexer Leinwandheldinnen“, dass sie seither an der Master School Drehbuch unterrichtet.

Im Sommer 2015 veröffentlichte sie durch den Verlag Master School Drehbuch EDITION ein eEssay mit dem Titel „Karrieresüchtig, machtbesessen, einsam? Die Darstellung weiblicher Führungskräfte in Film und Fernsehen“.



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