Gründerinnen, Köpfe
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Claudia Helming: „Bleibt zäh und lasst euch nicht unterkriegen!“

DaWanda-Chefin Claudia Helming. Bild: J. Olczyk

DaWanda-Chefin Claudia Helming. Bild: J. Olczyk

Einen Onlinemarktplatz für Handgemachtes gründen und damit auch noch Geld verdienen? Für diese vermeintlich verrückte Idee erntete die Gründerin von DaWanda einst entgeisterte Blicke und verständnisloses Kopfschütteln. Heute zählt Claudia Helming zu den erfolgreichsten Internetunternehmerinnen Deutschlands. Im Interview erzählt sie, welche ihrer Eigenschaften ausschlaggebend für ihren persönlichen Erfolg waren, wie sie mit Kritikern umgeht und was sie jungen Gründerinnen rät.

Was waren die ersten Reaktionen, als sie Freunden, Bekannten und Verwandten damals von Ihrem Vorhaben „Handgemachtes online zu verkaufen“ erzählt haben?  

Viele hielten die Idee, Handgemachtes online zu verkaufen und das Ziel, damit ein richtig großes, internationales und wirtschaftlich erfolgreiches Unternehmen zu schaffen, schon für mehr als verrückt. „Mach doch was Sicheres!“ oder „Wie will man denn mit Handarbeit Geld verdienen?“, habe ich damals mehr als einmal hören müssen. Aber ich habe mich nicht verunsichern lassen und weiter fest an die Idee geglaubt – und der Erfolg gibt mir heute recht.

Wenn ich ins Schwärmen gerate, dass da langfristig noch so viel mehr möglich ist, wie zum Beispiel Hunderttausende oder Millionen von Arbeitsplätzen zu schaffen oder Dritte-Welt-Länder an die Weltwirtschaft anzuschließen, überhaupt die Weltwirtschaftsordnung etwas zu untergraben, dabei gleichzeitig sowohl nachhaltig, als auch wirtschaftlich erfolgreich zu sein, gratulieren die Wenigsten zum Realitätssinn. Doch ich bin überzeugt: Man muss sich große Ziele setzen und auch schon mal nach den Sternen greifen! Nur so kann man über viele Jahre mit dem nötigen Biss für seine Ideen kämpfen.

Junge, ambitionierte Gründerinnen gibt es ja sehr viele. Doch, was glauben Sie? Wie wird aus einer Gründerin auf Dauer eine erfolgreiche Unternehmerin? 

Immer mehr hochqualifizierte junge Frauen interessieren sich für die Start-Up-Welt und sind gerade dabei, die Branche aufzumischen – und das ist auch gut so. Denn momentan gibt es hier definitiv zu wenig Frauen: Nur 13 Prozent der Gründer von Start-ups sind weiblich. Und auch bei den Mitarbeitern ist das Verhältnis alles andere als ausgewogen.

Generell gründen Frauen weniger Unternehmen als Männer – unabhängig von der Branche.
Vielleicht liegt das auch an einer verzerrten Vorstellung von Gründertum? Frauen stellen sich die Start-Up-Branche zum Beispiel manchmal sehr techniklastig vor und gehen davon aus, sie müssten die gesamten technischen Prozesse kennen, um erfolgreich zu gründen. Doch das stimmt so nicht. Es geht vor allem darum, mit den richtigen Leuten zusammenzuarbeiten. Ich muss kein Programmierer sein, um ein Internetunternehmen zu gründen.

Um von einer Gründerin zu einer erfolgreichen Geschäftsführerin zu wachsen, bedarf es vor allem Menschenkenntnis: Ein Unternehmen ist eine Teamleistung und es gibt nichts Wichtigeres, als entscheidende Positionen richtig zu besetzen und Aufgaben in die richtigen Hände legen zu können. Bei DaWanda fordern und fördern wir unsere Mitarbeiterinnen – nur so können wir gemeinsam wachsen.

Wie setzt sich denn das Geschlechterverhätnis bei der Dawanda-Belegschaft zusammen? 

Bei DaWanda liegt der Frauenanteil bei über 60 Prozent. Selbst in stark technikdominierten Abteilungen wie dem Product Development ist jeder zweite Mitarbeiter weiblich. Uns ist es wichtig, dass Frauen mehr und mehr technikaffine Berufe erobern – darum unterstützt DaWanda personell und finanziell die Rails Girls Berlin, eine Initiative, die junge Frauen an das Programmieren heranführt.

Speziell schnell wachsende Internet-Start-ups sind ja bekannt dafür nicht gerade zimperlich mit ihren Mitarbeitern umzugehen. Harte Arbeit, viele Überstunden, wenig Sozialleistungen – das lässt sich nur schwer mit dem Thema „Familienplanung“ kombinieren. Was tun Sie, damit Ihre Mitarbeiterinnen sich nicht zwischen Kind und Karriere entscheiden müssen?  

Bei DaWanda arbeiten 160 Mitarbeiter aus 16 Nationen – 20 davon sind Mütter. Wenn man bedenkt, dass unsere Mitarbeiter im Schnitt nur 31,5 Jahre alt sind und mittlerweile fast ein Viertel der Mütter in Deutschland bei der Geburt ihres ersten Kindes 35 Jahre oder älter sind, ist das doch ein hervorragender Schnitt.

Ich finde, dass sich keine Frau zwischen Kind und Karriere entscheiden muss – und dieses Gefühl vermittle ich auch an unsere Mitarbeiterinnen. Natürlich ist es oft anstrengend und eine doppelte Belastung. Doch es kann auch ein doppeltes Glück sein, nicht zwischen Unabhängigkeit im Beruf und dem Kinderwunsch wählen zu müssen. Durch individuelle Arbeitszeitmodelle ermögliche ich meinen Mitarbeiterinnen, nach der Babypause in eine verantwortungsvolle Position zurückzukehren. Unsere Marketing Direktorin ist Mutter, ebenso unsere Pressesprecherin und zahlreiche weitere Kolleginnen.

Das einzige was mich wirklich ärgert, ist, wenn ich merke, dass eine gute, qualifizierte Mitarbeiterin beruflich bereits den Fuß vom Gas nimmt, wenn sie nur ans Kinderkriegen denkt – das ist einfach zu schade um das Potential der Frau. Außerdem finde ich, dass die Politik Frauen fördern und belohnen sollte, die neben ihrer Familie auch ihrer beruflichen Karriere nachgehen.

Wie stehen Sie zum Thema „Social Freezing“? Ein Angebot, das es bald auch für DaWanda-Mitarbeiterinnen geben wird?

Bei der Social Freezing-Debatte geht es um Firmen im Silicon Valley. Das amerikanische und das deutsche Gesundheitssystem unterscheiden sich jedoch enorm. Was mich außerdem bei der Diskussion stört, ist die Tatsache, dass hier nur ein Punkt des Leistungsspektrums von Facebook herausgegriffen und scheinbar gesamtgesellschaftlich verteufelt wird. Dabei setzt das Unternehmen durchaus familienfreundliche Signale: Adoptionskosten sowie Kinderbetreuungskosten werden übernommen, außerdem zahlt Facebook 4.000 Dollar für jedes Kind, das geboren wird. Doch diese Punkte werden bei der Diskussion nicht angesprochen. Vielmehr wird hier nur die Tatsache gesehen, dass Facebook seine Mitarbeiterinnen dabei unterstützt, den Zeitpunkt ihrer Fruchtbarkeit zu verlängern. Und das scheinbar nur mit dem einen Grund, damit sie ihre „besten Jahre“ der Karriere widmen können. Dabei gibt es viele weitere Gründe, wegen denen sich eine Frau für das Einfrieren entscheidet: Dass sie noch nicht den richtigen Partner gefunden hat zum Beispiel, dass sie ein krankes Familienmitglied betreut oder gerade eine Trennung durchlebt.

Natürlich, medizinischer Fortschritt wird am Anfang immer skeptisch betrachtet. Ich finde allerdings nichts Verwerfliches dabei, unbefruchtete Eizellen einfrieren zu lassen. Vielmehr sehe ich hier eine Erweiterung der Wahlmöglichkeiten. Durch Verhütungsmethoden haben Frauen die Chance, sich vor ungewollten Schwangerschaften zu schützen. Wer sich dagegen ein Kind herbeisehnt, die Lebensumstände es allerdings nicht zulassen, kann durch das Einfrieren der Eizellen die Chance auf eine Mutterschaft erhöhen.

Bei der ganzen Diskussion sollte jedoch nicht vernachlässigt werden, dass eine Schwangerschaft in jungen Jahren ebenso ihre Berechtigung hat wie eine späte Schwangerschaft. Niemand darf in einem Unternehmen für eine entsprechende Wahl diskriminiert oder unter Druck gesetzt werden.

Das Internetbusiness ist noch immer stark geprägt von männlichen Idolen: Steve Jobs, Marc Zuckerberg, oder in Deutschland die Samwer-Brüder. Warum gibt es bisher so wenige weibliche Vorbilder?  

Es gab auch lange keine Bundeskanzlerin in Deutschland, heute gibt es sie. So wie sich die Zeiten ändern, verändert sich auch die Geschlechterverteilung auf gewissen Positionen.
Dafür ist es allerdings wichtig, dass Frauen, die es geschafft haben, ihre Vorbildfunktion wahrnehmen. Dass sie öffentlich präsent sind und das Bild eines typischen Managers oder Gründers in eine Richtung formen, die nicht automatisch Männlichkeit impliziert. Und: Dass sie weitere Frauen hinterherholen, sie fordern und fördern. Dann kann auch das Internetbusiness bald schon ein geschlechtsneutrales Business sein.

Welches sind Ihre persönlichen Idole?  

Spontan fallen mir dazu Helena Rubinstein, Coco Chanel, Diana Vreeland, Beate Uhse, Malala Yousafazi und Astrid Lindgren ein.

Und welche ihrer Eigenschaften hat Ihnen persönlich zum Erfolg verholfen?  

Mein Motto lautet: einfach machen! Ich wusste früh, was ich will und habe es in die Hand genommen. Ich habe mich nicht abwimmeln lassen und an meine Träume geglaubt. Dazu rate ich auch allen anderen Gründerinnen: Bleibt zäh und lasst euch nicht unterkriegen!

In einer Leserkolumne der Frauenzeitschrift „Brigitte“ heißt es, der DIY-Trend sei ein Abgesang auf den Feminismus und, dass sich Frauen heute lieber stolz über Babyfotos und mit Äpfeln bedruckte Geschirrhandtücher definieren, anstatt in ihre berufliche Karriere zu investieren. Was antworten Sie dieser Leserin?  

Das aus genau diesen bedruckten Geschirrtüchern ein erfolgreiches Unternehmen werden kann! Neben vielen Hobby-Kreativen gibt es bei DaWanda zahlreiche professionelle Herstellerinnen – Designerinnen, die ihr Handwerk erlernt oder studiert haben ebenso wie Quereinsteiger, die mit dem Verkauf ihrer Produkte großen Erfolg haben und jetzt davon leben, ja sogar Leute anstellen können. Wir schätzen den Anteil derer, die in DaWanda ihre primäre Einkommensquelle haben, auf rund 25 Prozent. Und ich sehe nichts Verwerfliches darin, mit einem geliebten Hobby finanziell unabhängig und erfolgreich zu sein! Heute hat Handarbeit nichts mehr mit der klassischen Rollenverteilung der 50er Jahre zu tun. Die Frauen sind kreativ, weil sie es möchten und nicht weil sie müssen. Wer diese Entscheidung als einen Abgesang auf den Feminismus versteht, müsste ebenso die Berufswahl der Modedesignerin, Lehrerin, Erzieherinnen oder Köchin verteufeln.

Zur Person:

Claudia Helming wurde 1974 im bayerischen Burghausen geboren. Sie studierte Romanistik und Tourismus an der LMU München und war danach als Head of Operations bei lastminute.com tätig, bevor sie ins Business Development zu Passado wechselte. Dort lernte sie ihren jetzigen Geschäftspartner Michael Pütz kennen, mit dem sie im Dezember 2006 DaWanda gründete. Helming lebt und arbeitet in Berlin, ist ledig und hat keine Kinder.

Über DaWanda:

Der Onlinemarktpaltz für Handgemachtes wurde im Jahr 2006 in Berlin gegründet. Wenige Wochen nach dem Start verkauften über DaWanda bereits 250 Hersteller rund 1.500 Produkte an 1.200 registrierte Nutzer. Ende 2009 schrieb die Onlineplattform schwarze Zahlen und nahm daraufhin die Internationalisierung des Unternehmens in Angriff. Heute gibt es die DaWanda-Website auf Deutsch, Englisch, Französisch, Italienisch, Spanisch, Polnisch sowie Niederländisch. Mit über 4,3 Millionen registrierten Nutzern und 280.000 Herstellern, die über 4,4 Millionen Produkte verkaufen, gilt DaWanda als größter Onlinemarktplatz für handgemachte Produkte Europas.

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